{"id":131020,"date":"2020-09-29T15:37:24","date_gmt":"2020-09-29T13:37:24","guid":{"rendered":"https:\/\/prenzlberger-stimme.net\/?p=131020"},"modified":"2021-09-09T14:24:02","modified_gmt":"2021-09-09T12:24:02","slug":"thaelmann-im-park-eine-zusammenfassung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/prenzlberger-stimme.net\/?p=131020","title":{"rendered":"Th\u00e4lmann im Park &#8211; eine Zusammenfassung"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/prenzlberger-stimme.net\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/thaelmann-im-park1.jpg\" alt=\"\" width=\"670\" height=\"488\" class=\"alignleft size-full wp-image-131021\" srcset=\"https:\/\/prenzlberger-stimme.net\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/thaelmann-im-park1.jpg 670w, https:\/\/prenzlberger-stimme.net\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/thaelmann-im-park1-300x219.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 670px) 100vw, 670px\" \/><br \/>\n <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vieles w\u00e4re einfacher, wenn man Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze und auch Wohngebiete nach Menschen benennen w\u00fcrde, die in der Gegend, in der ihr Name verewigt wird, gelebt haben und irgend einer ebenso allt\u00e4glichen wie n\u00fctzlichen T\u00e4tigkeit nachgegangen w\u00e4ren. Also v\u00f6llig unpolitisch. Dann m\u00fcsste man nicht nach jedem politischen Systemwechsel all die \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze und Institutionen umbenennen, oder dort, wo die Neu-Benamsung aus welchen Gr\u00fcnden auch immer unterblieben war, gro\u00dfartige Erkl\u00e4rungsverrenkungen unternehmen.<\/p>\n<p>Wie zum Beispiel bei Th\u00e4lmann. <\/p>\n<p>So belieferte ein laut glaubw\u00fcrdiger Zeitzeugenaussage in der Prenzlauer Berger Grellstra\u00dfe 31 ans\u00e4ssiger Kohlenh\u00e4ndler namens Th\u00e4lmann bis Ende der 1940er Jahre die Anwohner &#8211; so gut es die Zeiten eben zulie\u00dfen \u2013 mit Heizmaterial und sorgte durch sein allt\u00e4gliches Tun daf\u00fcr, dass die Menschen der Umgegend die Winter weitgehend ohne Frostbeulen \u00fcberstanden.<\/p>\n<p>Als nun in den 1980er Jahren die nur wenige hundert Meter entfernt befindliche Gasanstalt nebst Kokerei geschleift wurde, auf dass auf dem Gel\u00e4nde eine park\u00e4hnliche Wohnsiedlung entstehe, h\u00e4tte man sich des wackeren Kohlenmannes erinnern und das Wohngebiet bedenkenlos \u201eTh\u00e4lmannpark\u201c nennen k\u00f6nnen. Die Verbindung zu Kohle, Heizen und W\u00e4rme war ja durchaus gegeben. Auch eine Bronzeskulptur h\u00e4tte man ihm widmen k\u00f6nnen: Kohlenh\u00e4ndler Th\u00e4lmann leicht gebeugt, mit einer Kiepe Koks auf dem R\u00fccken \u2013 der Sockel in Brikettform gehalten.<br \/>\nWeder am Namen, noch an der Profession h\u00e4tte sich nach dem politischen Systemwechsel jemand gest\u00f6rt.<\/p>\n<p>Aber so&#8230;<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<h4><strong>Hilfloser Umgang<\/strong><\/h4>\n<p>Bereits kurz nach der Berliner Wiedervereinigung schien das Schicksal des vom sowjetischen Monumentalk\u00fcnstler Lew Kerbel geschaffene Denkmal des einstigen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands Ernst Th\u00e4lmann besiegelt zu sein: Abriss. Das n\u00e4mlich hatte zu Beginn der 1990er Jahre eine im Auftrag des Berliner Senats gebildeten Historiker-Kommission empfohlen. Was die hochwohll\u00f6bliche Kommission allerdings \u00fcbersehen hatte: Die (West)Berliner Denkmalbeh\u00f6rde hatte den Bronze-Th\u00e4lmann Eins zu Eins von der Denkmalliste der DDR \u00fcbernommen. Er stand also damals schon l\u00e4ngst unter Denkmalschutz.<\/p>\n<p>Weggeschafft wurden nur die einst daneben stehenden bronzene Texttafeln mit Honecker- und Th\u00e4lmannzitaten \u2013 das allerdings geschah ganz ohne Kommission schon im Juli 1990. <\/p>\n<p>Schlagzeilen gab es Anfang Mai 1992, als ausgerechnet die Nazipartei FAP einen bundesweiten Aufmarsch am Th\u00e4lmann-Denkmal plante. Ernst Th\u00e4lmann wurde 1944 von den Nazis im KZ Buchenwald ermordet. Eine nicht unerhebliche Anzahl von Gegendemonstranten protestierten so heftig gegen diese Verh\u00f6hnung, dass das nicht mal hundert Mann starke braune H\u00e4uflein unter Polizeischutz das Weite suchte. <\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter wurde eine eine vom Kulturamt initiierte Tagung zu einer Suche f\u00fcr die Zukunft des Denkmals alternativ zum Abriss veranstaltet, die allerdings ergebnislos endete. Der Tagesspiegel schrieb damals: \u201eDerzeit ist der Umgang mit diesem ungeliebten Geschichtsdenkmal weniger von Souver\u00e4nit\u00e4t gekennzeichnet als von Hilfslosigkeit.\u201c<\/p>\n<p>So blieb Skulptur auf dem zugigen Platz zwar erhalten, verkam aber immer mehr: Vogeldreck von oben und Graffiti von unten waren die einzigen Ver\u00e4nderungen, die das Denkmal erfuhr.<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<h4><strong>Kein &#8222;Kulturpark&#8220;, keine F\u00e4lschung, kein R\u00fccktritt<\/strong><\/h4>\n<p>Daf\u00fcr machte sich die CDU-Fraktion in der damaligen Prenzlauer Berger Bezirksverordnetenversammlung am Wohngebietsnamen zu schaffen. In einem im Oktober 1996 eingebrachten Antrag forderten sie die Umbenennung des Ernst-Th\u00e4lmann-Parks in \u201eKulturpark\u201c. Was schon lustig war, weil der gro\u00dfe, sp\u00e4ter \u201eSpreepark\u201c gehei\u00dfene Rummelplatz im Pl\u00e4nterwald zu DDR-Zeiten ganz offiziell \u201eKulturpark\u201c hie\u00df. <\/p>\n<p>Wie auf einem Rummel ging es dann auch mit dem Antrag weiter. <\/p>\n<p>Obwohl der damalige Bezirksb\u00fcrgermeister Reinhardt Kraetzer (SPD) von der Umbenennungs-Idee nicht \u00fcberzeugt war, rief er im Januar 1997 die Prenzlauer Berger dazu auf, ihre Meinung dazu kund zu tun. Die Linkspartei-Vorg\u00e4ngerin PDS reagierte blitzesschnell und lie\u00df tausende Postkarten drucken und an ihre Mitglieder versenden\u2013 mit der Bitte, pro Th\u00e4lmann zu stimmen. <\/p>\n<p>Der Coup gelang, \u00fcber 3.000 Zuschriften kamen binnen kurzer Zeit auf B\u00fcrgermeister Kraetzers Tisch, nur 66 davon votierten f\u00fcr eine Namens\u00e4nderung.<\/p>\n<p>Bei soviel Einigkeit witterte Kraetzer Manipulation und \u00fcbergab den Berg Post der Polizei mit der Bitte um graphologische Untersuchung. Denn er habe, so Kraetzer, den Verdacht, dass die Absender gar nicht echt und die Adressen blo\u00df aus dem Telefonbuch abgeschrieben wurden. Daraufhin bekamen einige Einsender Besuch von der Polizei, die ihnen Schriftproben abnahmen und sie nach dem Motiv f\u00fcr ihre Stimmabgabe befragte.<\/p>\n<p>Das wiederum brachte die PDS auf die Palme: Kraetzer habe in eklatanter Weise gegen das informationelle Selbstbestimmungsrecht der Bezirksbewohner versto\u00dfen, und m\u00fcsse seinen Stuhl r\u00e4umen.<br \/>\nAm Ende blieb der B\u00fcrgermeister auf seinem Posten und der Wohnpark behielt seinen Namen.<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<h4><strong>Putzen oder sprengen?<\/strong><\/h4>\n<p>Der Bronzekoloss und das ihn umgebene Areal aber verlotterten mehr und mehr. Um dem Einhalt zu gebieten, wurde im Jahr 2000 ein Aktionsb\u00fcndnis Th\u00e4lmann-Denkmal aus linken Parteien und Vereinen gegr\u00fcndet, die das sich zum Ziel setzten, \u201eeinen w\u00fcrdigen Umgang mit dem Denkmal\u201c zu erm\u00f6glichen. Das B\u00fcndnis veranstaltete j\u00e4hrlich zwei Kundgebungen und putzte bei dieser Gelegenheit das Denkmal auch. <\/p>\n<p>Ab 2006 \u00fcbernahm der Senat die Reinigung, allerdings mit bescheidenem Erfolg. <\/p>\n<p>Im Sommer 2013 dann der Versuch einer symbolischen Sprengung durch die Jugendorganisiation der FDP.  Dummerweise waren aber mindestens viermal soviele Denkmalsverteidiger vor Ort erschienen, von denen jeder mindestens dreimal so alt war, wie jeder der Jungliberalen. Am Ende mussten die sprengungsw\u00fctigen Jungspunde &#8211; gesch\u00fctzt von der Polizei &#8211; zum naheliegenden S-Bahnhof Greifswalder Stra\u00dfe fliehen. Die Gefahr, von einem emp\u00f6rten Senior vors\u00e4tzlich mit dem Rollator angefahren zu, schien doch zu gro\u00df.<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<h4><strong>Wettlauf mit dem Rost<\/strong><\/h4>\n<p>Ende des selben Jahres beschloss die BVV von Pankow, dass das Denkmal mit einer Kommentierung versehen werden sollte, bei der die Biographie Th\u00e4lmanns und die Geschichte seines Denkmals \u201ehistorisch kritisch aufgearbeitet, kommentiert und anschaulich gemacht werden\u201c. Ein Kolloquium mit Denkmalsch\u00fctzern, Historikern, Kunsthistorikern, Stadtplanern und Anwohnern sollte sich mit dem Thema auseinandersetzen und Empfehlungen geben.<\/p>\n<p>Als im Februar 2014 das Landesdenkmalamt f\u00fcr alle vor Ort \u00fcberraschend das gesamte Bauensemble unter Denkmalschutz stellte, galt dieser Schutz auch f\u00fcr den Bronze-Th\u00e4lmann, der nun praktisch doppelt gesch\u00fctzt war.<br \/>\nDann war wieder Ruhe, denn dem Bezirk fehlte das Geld, den BVV-Beschluss umzusetzen. <\/p>\n<p>Im Sommer 2018 schien es kritisch  zu werden. Bei einer Inspektion des Landesdenkmalamtes wurden schwere Rostsch\u00e4den an der st\u00e4hlern St\u00fctzkonstruktion im Innern des Kommunistenf\u00fchrers festgestellt. Die Senatskulturverwaltung sagte eine Stabilisierung des KPD-Chefs zu. Die Bewahrer k\u00e4mpferischen Liedgutes waren erleichtert:  H\u00e4tte doch sonst die Zeile \u201eTh\u00e4lmann ist niemals gefallen\u201c in einem einst sehr popul\u00e4ren Kampfsong in \u201eTh\u00e4lmann ist in sich zusammengefallen\u201c umgeschrieben werden m\u00fcssen.<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<h4><strong>Wieviel Kritik, wieviel Kunst?<\/strong><\/h4>\n<p>Im November 2018 fand dann endlich das lange geplante Kolloquium statt. Im Juni 2019 lobte  das Bezirksamt einen deutschlandweiten Kunstwettbewerb aus. Aufgabe: Eine  kritische Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart des Ernst-Th\u00e4lmann-Denkmals.<br \/>\nDie k\u00fcnstlerische Kommentierung sollte dazu dienen, \u201eFragen aufzuwerfen, zu irritieren und zur Diskussion anzuregen.\u201c Gew\u00fcnscht waren \u201einnovative k\u00fcnstlerische Konzepte, die zu einer Belebung des Ortes beitragen sowie das Denkmal und den Platzraum innerhalb des st\u00e4dtischen Kontextes erlebbar machen.\u201c <\/p>\n<p>Wieviel Kritik, wieviel Kunst? &#8211; an dieser Fragen schieden sich bis in diese Tage immer wieder die Geister. B\u00fcndnisgr\u00fcne und SPD f\u00fcrchteten, dass die Kunst die kritische Aufkl\u00e4rung in den Hintergrund dr\u00e4ngen k\u00f6nnte und brachte dies mehrfach in Anfragen und  Schl\u00fcssen zum Ausdruck. Das Bezirksamt hingegen vertrat die Ansicht, dass eine  k\u00fcnstlerische Kommentierung eine historische Kommentierung mit einschlie\u00dft. <\/p>\n<p>Nun endlich ist der Wettbewerb entschieden und das Ergebnis&#8230; naja.<\/p>\n<p>Zusammengefasst: Ein paar steinerne Sitzquader, zwei Stelen mit Informationen und eine Webseite, auf der einige Filmbeitr\u00e4ge zur Geschichte des Wohnparks, des Denkmals und der Person Ernst Th\u00e4lmanns zu sehen sind. <\/p>\n<p>Das h\u00e4tte man auch schneller haben k\u00f6nnen.<br \/>\n <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vieles w\u00e4re einfacher, wenn man Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze und auch Wohngebiete nach Menschen benennen w\u00fcrde, die in der Gegend, in der ihr Name verewigt wird, gelebt haben und irgend einer ebenso allt\u00e4glichen wie n\u00fctzlichen T\u00e4tigkeit nachgegangen w\u00e4ren. Also v\u00f6llig unpolitisch. 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