Grau versus Grün

Screenshot aus:
“Ulli Maaßlos und sein Kampf gegen das Grün“

„Townhouse, und sie machen alles platt, Townhouse…“, frei nach dem Hit „Our house“ der britischen Ska-Band Madness intonieren die Laubenpieper der Pankower Kleingartenanlage Famos an einem Sommerabend des vergangenen Jahres inmitten ihres Grüns traurig-trotzig ihren Protest.
Die Gesangseinlage ist die Schlussszene eines im vergangenen Jahr gedrehten Films von Cosmo Berger und Simon Griesmayr mit dem Titel „Ulli Maaßlos und sein Kampf gegen das Grün“. Das halbstündige satirische Kunstwerk ist mit ein paar Tausend Klicks bei youtube zwar kein Blockbuster, beweist dafür aber eine gute Portion Humor und Charme.
Und Realitätssinn.
Bereits ein paar Monate später sollten die aufmüpfigen Sängerinnen und Sänger mit ihrer düsteren Vision Recht bekommen. „Am 5. Juli hat die Baugruppe Himmel & Erde die Baugenehmigung erhalten“, erklärte Pankows grüner Stadtrat für Stadtentwicklung, Jens-Holger Kirchner. Damit nimmt eine Geschichte ihren unheilvollen Lauf, die von Anfang an immer nur als ein Missverständnis gesehen wurde.

Kündigung nach 90 Jahren

Gartenidyll am Bahndamm

Los ging es im Frühjahr 2011, als dem Pankower Bezirksverband der Gartenfreunde als Generalpächter des 5.000 m² großen Areals an der Brehmestraße 28/ Ecke Heynstraße von der Bahn AG als Eigentümerin eine Kündigung für die seit 90 Jahren dort bestehenden Parzellen zugestellt wurde.
Die Botschaft verbreitete sich unter den 18 betroffenen Kleingärtnern in Windeseile, bis November des Jahres sollten sie die gesamte Fläche räumen. Die Gartenfreunde hätten Platz zu machen für ein ambitioniertes Baugruppenprojekt mit 74 Eigentumswohnungen in sechs Gebäuden mit fünf bis sechs Etagen. Rund 20 Millionen EUR wollen die Käufer dort investieren, rund 2.100 EUR/m² kostet das unmittelbar an der

Der Gartenzaun als Plakatwand:
Protest gegen “ökologische“ Gartenbetonierung

lärmungeschützten Stettiner Bahn gelegene Wohneigentum.
„Ökologisch Wohnen mit Dach auf dem Pool“, so bewarb die von der Projektgesellschaft Area betreute Baugemeinschaft Himmel & Erde das Bauvorhaben auf dem Gartengelände. Area-Chef Ulf Maaßen verteidigte damals den Austausch von Gartenerde gegen Betonfundamente sehr eigenwillig: „Hätten wir das Grundstück nicht gekauft, so hätte es sicher ein anonymer Bauträger mit hohen Renditeerwartungen erworben“. Puh, mag da mancher gestöhnt haben, da hatten die Kleingärtner ja so richtig Glück gehabt! Es ist alles eben nur eine Frage der Perspektive.

Per Vorbescheid zum Bauland gemacht

Das wird sich auch der stadtentwicklungspolitische Sprecher der Linken in der Pankower BVV, Michail Nelken, gesagt haben. Heute einer der aktivsten, wahrscheinlich auch versiertesten Unterstützer im Widerstand gegen das Projekt, stand er als Stadtrat für Stadtentwicklung einst jener Behörde vor, die Anfang 2011 nach einem Antrag der Baugruppe einen positiven und zugleich verbindlichen Vorbescheid zur Bebauung des Areals erteilte. Im Grunde machte erst dieses Papier die Gartenanlage zu reellem Bauland.

Michail Nelken: Juristisch argumentiert

Der Politiker Nelken begründete den Bescheid aus seinem Hause ausschließlich mit juristischen Argumenten. „Bauvorhaben nördlich der Brehmestraße müssen nach § 34 Baugesetzbuch beurteilt werden und dafür bildet wiederum ausschließlich die Umgebungsbebauung den Maßstab“.

Deshalb gab es, so Nelken im Sommer 2011, für eine Zurückstellung oder Ablehnung des Antrags auf Bauvorbescheid keine rechtliche Grundlage. Soll heißen, die Beamten hatten bei ihrer Arbeit keine Alternative. Einzig ein rechtzeitig erlassener Bebauungsplan hätte die Gärten sichern können.

Und tatsächlich wurde bereits 2003, drei Jahre vor Nelkens Amtsantritt als Stadtrat, der BVV der B-Plan XIX-61 vom Bezirksamt zur Kenntnis gegeben, der unter anderem die Sicherung weiter Teile der Kleingartenanlage Famos, die sich jedoch vor allem südlich der Brehmestraße ausbreitet, zum Inhalt hat. Allerdings waren damals die auf Grund ihrer Lage eigentlich höchst gefährdeten und heute umkämpften 18 Parzellen aus dem Geltungsbereich des B-Plans herausgehalten worden. Ein Wink mit dem Zaunpfahl an Investoren? Die dadurch transportierte Botschaft des Bezirks wusste die Baugruppe Himmel & Erde jedenfalls acht Jahre später ohne jegliche Skrupel sehr wohl zu vernehmen.

“Wutgärtner“ in der BVV

Bezirkspolitik ohne Handlungsmöglichkeit

Jetzt, da sich der Widerstand beherzt zeigt, mittlerweile haben die Kleingärtner über 18.000 Unterschriften gegen das Bauprojekt und für den Erhalt ihrer Gärten gesammelt, finden lokale Entscheidungsträger in der Politik wieder wohlige Worte für die Pankower Wutgärtner. Gleich zweimal (!), sowohl im vergangenen Sommer als auch in diesem Frühjahr, hat die BVV mit Beschlüssen das Bezirksamt freundlichst ersucht, „fortan alles in seinen Möglichkeiten stehende zu tun, um den Erhalt der Parzellen zu sichern“. Allein, es gibt diese Möglichkeiten nicht. Einzig in einem rechtlichen Verfahren, welches der Verband der Pankower Gartenfreunde gegen die Bahn AG als Verkäufer der Fläche angestrengt hat und an dem weder der Bezirk noch die Baugruppe beteiligt sind, könnte noch eine Wendung herbeigeführt werden. Zwei Urteile des Berliner Oberverwaltungsgerichts aus den Jahren 2008 und 2009 ( Az. 2 A 5.08; Az. 2 A 12.07) lassen die renitenten Gärtner noch Hoffnung schöpfen. Am 16. Juli ist Verhandlungstermin vor dem Berliner Landgericht.

Baugruppe Himmel & Erde: Hilfe beim Abriss angeboten

Der offensichtlich ungebrochene Wille der Gartenpächter, die noch immer in ihren grünen Paradiesen werkeln, hat unterdessen die künftigen Bauherren zu einer merkwürdigen Art von Selbstlosigkeit herausgefordert. »Wir haben im Internet recherchiert, es gibt 40 freie Parzellen in Pankow«, meldete sich kürzlich zum Beispiel die Geschäftsführerin der Baugruppe, Annelen Schulze Höing, öffentlich zu Wort. Soll heißen, wir brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, die können ihr Unkraut auch woanders zuppen.

Schon im Herbst könnten die Bagger rollen

Und auch sonst neigt man bei den ausgebremsten Bauherren zur großen Geste. »Wie viel Zynismus muss man aushalten«, fragte im Frühjahr in der BVV die Gartenfreundin Annette Prien entrüstet, »wenn Baugruppenfamilien älteren Gärtnern, die ihr Grün seit 30 Jahren hegen und pflegen, anbieten, beim Abriss behilflich zu sein«? Und auch das Angebot von Projektchef Maaßen, 1.500 EUR an Parzellenbesitzer zu bezahlen, wenn sie unverzüglich ihren Garten räumen, stieß auf große Irritationen.
Sollte jedoch das Landgericht die Rechtmäßigkeit des Verkaufs bestätigen, dürften, nach dem jetzt auch die Baugenehmigung erteilt wurde, spätestens im Herbst dieses Jahres die Bagger anrollen. Es könnten heiße Tage werden. Doch ausgerechnet auf Erfrischung wollen die Baumeister von Himmel & Erde nach den anstrengenden Kämpfen gegen die Gartenlobby verzichten, haben sie doch ihre neueste Baubeschreibung wie folgt betitelt: „Das Ökoprojekt nun auch ohne Pool aber immer noch mit Weitblick“. So manchem stehen da die blanken Tränen in den Augen.

 

 

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