Boulevard de Michelangelo?

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Was tun, wenn Land und Bezirk meinen, dass in einem Kiez Wohnungen gebaut werden müssen, die Grundstückseigentümer aber abwinken? Ganz einfach: Man stellt die Häuser auf die Fahrbahn, denn die ist landeseigen…

Bis zu 1.700 Wohneinheiten hat der Bezirk Pankow im Kiez um die Michelangelostraße geplant, doch der größte Teil der Grundstücke dort befindet sich im Besitz mehrerer Wohnungsbaugenossenschaften.

Die aber zeigen sich bisher so gar nicht bauwillig.

Der schraffierte Teil des Areals ist restitutionsbelastet. (zum Vergrößern anklicken)

Der schraffierte Teil des Areals ist restitutionsbelastet.
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Das liegt zum einen daran, dass mehr als die Hälfte der Grundstücke restitutionsbelastet ist. Was heißt, dort ist – 25 Jahre nach der deutschen Vereinigung – noch immer nicht klar, ob angemeldete Rückgabeansprüche rechtens sind. Und wer will schon bauen, wenn ihm das Grundstück hinterher gar nicht mehr gehört?

Drittens sind Genossenschaft demokratisch organisiert. Da haben die Mitglieder bei den Investitionen ein gehöriges Wörtchen mitzureden. Dass die Bauvorhaben bei den Genossenschaftern im Michelangelokiez nicht eben Jubelstürme ausgelöst haben, ist bekannt. Zudem sind auch die Kosten für Neubauten so beschaffen, dass sie nicht so ohne weiteres von einer Genossenschaft zu stemmen wären, die ja im Gegensatz zu privaten Bauherren nicht einfach die Mieten ins uferlose hochtreiben kann.
 

Bauen am Straßenrand

Um dennoch zumindest einen Teil Wohnungen zu realisieren, hat das Stadtentwicklungsamt Pankow einen Entwurf erarbeitet, bei dem eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft wenigsten schon einmal anfangen kann, zu bauen. Die Häuser müssten dann allerdings so platziert werden, dass sie bis an die derzeitige Fahrbahn heranreichen.

Straße schmaler, Häuser näher dran (zum Vergrößern anklicken)

Straße schmaler, Häuser näher dran
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Deshalb, so der Leiter des Pankower Pankower Stadtentwicklungsamtes Klaus Risken auf einer Versammlung des „Vereins für Lebensqualität an der Michelangelostraße“, werde man die die Straße selbst „anfassen“ und verengen müssen.
Ein Neubau der Fahrbahnen sei ohnehin nötig, weil die Mitte der 1960er Jahre gebaute Straße schon bei ihrer Errichtung ein Provisorium gewesen sei: Ohne hinreichendenden Unterbau und deshalb sowieso erneuerungsbedürftig. Das Ergebnis wäre dann etwas, das verwaltungsintern „Boulevard Michelangelostraße“ genannt werde: Fünfgeschossige Wohnhäuser, ein Bürgersteig, zwei Richtungsfahrbahnen und in der Mitte weiterhin ein – verringerter – Grünstreifen, auf dem auch Bäume angepflanzt werden sollen.
Der Entwurf ist so neu, dass er erst Ende des Monats – mit weiteren Details versehen – veröffentlicht werden soll.

Doch das ist eben nur der Anfang. Laut Klaus Risken, soll der Planungsentwurf, den der Architekt Frank Goerge zur Gestaltung der Verdichtung des Michelangelo-Kiezes erstellt hat, weiter Grundlage der Planungen bleiben.
 

Planungsentwurf in der Kritik

Der Anwohnerverein lehnt diesen Plan jedoch ab. Die Bebauungskonzeption, erklärte Horst Krüger, Vorsitzender des „Vereins für Lebensqualität an der Michelangelostraße“, muss gewährleisten, dass den betroffenen Bewohnern keine Nachteile dauerhaft entstehen. Das sei aber bei dem Goerge-Entwurf, der den Bau von bis zu 1.700 Wohnungen vorsieht, nicht der Fall.

michKrüger verwies auf den Stadtentwicklungsplan Klima für Berlin von 2011, in dem das Gebiet an der Michelangelostraße als Kaltluftproduktionsgebiet ausgewiesen.
Die Entstehung und Verbreitung von Kaltluft an der Michelangelostraße führe an heißen Sommertagen nachts zu einer wesentlichen Abkühlung. Der Erhalt der Kaltluftfunktion des Gebietes sei daher für die Bewohner an der Michelangelostraße und der umliegender Wohngebiete von wohnklimatischer und damit gesundheitlicher Bedeutung.
Eine bauliche Nachverdichtung – wie im Goerge-Entwurf vorgesehen – bringe die Kaltluftfunktion zum Erliegen. Daher sollten die Bauhöhen möglichst gering gehalten, bauliche Hindernisse, die einen Kaltluftaustausch verhindern, vermieden und die Neubauten längs zum Kaltluftstrom ausgerichtet werden.

Der Vereinsvorsitzende kritisierte darüber hinaus, dass die in der Vorentwurfsplanung parallel zur Michelangelostraße vorgesehenen Häuser mit einem rechtwinklig angelegten Häuserbestand Hinterhöfe bilden, was zu einer erheblichen Verschlechterung der Lebensqualität der Anwohner führe.
Auch der Dauerbrenner Parkplätze kam zur Sprache: Das Bezirksamt agiere mit fehlerhaften Zahlen, die eine günstigere Parkplatzsituation suggerierten, als in der Realität gegeben.

 

Dauerbrenner Parkplätze

Die Kritik Horst Krügers, dass der gesamte Planungsraum zu gering bemessen sei, konnte Amtsleiter Klaus Risken entkräften. Das Integriertes Stadtentwicklungskonzept (ISEK) Michelangelosstraße werde – wie vom Anwohnerverein gefordert – den Bereich zwischen Storkower Straße und Gürtelstraße sowie Greifswalder Straße und Kniprodestraße umfassen. Bezüglich der Autostellplätze machte Risken den Anwohnern jedoch wenig Hoffnung, den derzeitigen bestand erhalten zu können.

Wohin mit den Autos?

Wohin mit den Autos?

Auch die eingeladenen Vertreter der in der Pankower Bezirksverordnetenversammlung kamen zu Wort.

Matthias Böttcher von der SPD sprach davon, dass die Stadt nicht wenige Bausünden aufzuweisen habe – dies gelte es, im Micheangeloviertel zu verhindern. Er sprach sich dafür aus, dass jeder Anwohner, der bereits jetzt im Kiez lebt, seinen Parkplatz sicher haben sollte. Die Bürger, so Böttcher weiter, seien „die Fachleute vor Ort“

CDU-Fraktionsvorsitzender Johannes Kraft lobte die Professionalität, mir der der Verein der die vorbereitende Planung kritisch begleite. Es stünde nicht die Frage ob, sondern wie gebaut werden sollIm Gegensatz zu seinem sozialdemokratischen BVV-Kollegen, hegte er allerdings Zweifel daran, dass der „Luxus“ ausreichender Parkplätze erhalten bleiben kann.

Michail Nelken, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der Linken, erklärte, dass sich seine Fraktion grundsätzlich für Neubauten im Michelangelokiez ausspreche. Das vorliegende Bebaungskonzept lehne man jedoch ab, da es keinen Bezug zum städtebaulichen Umfeld habe. Nelken plädierte deshalb für einen Neustart der Planungen beim Punkt Null. Der Bündnisgrüne Peter Brenn, meinte, dass bloßes „Nein“ sagen noch keinen Dialog darstellt und Jan Schrecker von den Piretan zog die Notwendigkeit von Parkplätzen in größerer Zahl in Zweifel.

 

Am Dienstag, dem 22.3. um 11 Uhr wird der „Verein für Lebensqualität an der Michelangelostraße i.G.“ im Mühlencenter einen Infostand eröffnen.

 

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