Neun Tage, die den Kiez erschüttern

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Gemessen an dem, was da am Dienstagabend in der Aula der Wilhelm-von-Humboldt-Schule am Humannplatz an Aufregung und vehementer Ablehnung aus dem Auditorium kam, muss der Untergang des Humannkiezes im Allgemeinen und jener des Hauses Gudvanger Straße 22 im Besonderen unmittelbar bevorstehen. Auslöser des Angstbebens: Kinder. Spielende Kinder. Möglicherweise spielende Kinder.

Es ist der zweite Versuch auf einem kleinen, nicht einmal vierzig Meter langen Teilstück der Gudvanger Straße eine sogenannte „Temporäre Spielstraße“ einzurichten.
Nachdem der erste Anlauf im vergangenen Jahr durch den erfolgreichen Eilantrag einer Bewohnerin des neben der Wilhelm-von-Humboldt-Schule befindlichen Hauses an das Berliner Verwaltungsgericht jäh gestoppt wurde, versucht das Bezirksamt nun – unter Beachtung der damals in dem Gerichtsbeschluss enthaltenen Hinweise – eine Neuauflage.
 

Erstaunliche Vielfalt… – beim Suchen und Finden für von Ablehnungsgründen

Von Mai bis Oktober soll alle zwei Wochen an einem Dienstag besagtes Straßenstück von 10 bis 18 Uhr für den Verkehr gesperrt und zum Spielen freigegeben werden. Da wegen der Ferien im August keine Spielstraße ausgerufen wird, werden es ganze neun Tage sein, an denen sich dort Kinder zum Spielen auf der Straße treffen können.

Spielen als Pilotprojekt - Foto BI Spielstraße

Spielen als Pilotprojekt – Foto BI Spielstraße

Beantragt hat die Umwidmung des Straßenteilstücks das Jugendamt Pankow. An den Spieltagen sollen – gemäß des richterlichen Hinweises, dass Spielen allein noch keine Veranstaltung sei – unterschiedliche Themen und Programme den Tag bestimmen.
Das ganze ist auch als eine Art Pilotprojekt gedacht, mit dem man Erfahrungen darüber sammeln will, ob und in welcher Art auch anderswo in der Stadt solche zeitweiligen Spielstraßen organisiert werden können. Der Anstoß dazu kam unter anderem von Eltern der benachbarten Wilhelm-von Humboldt-Schule.

Doch diese neun Mal acht Stunden im Jahr sind für die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses Gudvanger Straße 22 genau neun Mal acht Stunden zuviel.

Anhörung in der Schulaula: Jeanette Münch, Torsten Kühne

Anhörung in der Schulaula: Jeanette Münch, Torsten Kühne

Bei der öffentlichen Anhörung, die Bezirksstadtrat Torsten Kühne zusammen mit Jeanette Münch vom Pankower Jugendamt am Dienstag in der Wilhelm-von Humboldt-Schule durchführte, brachten die Anwohner in einer zuweilen recht erregten Diskussion die Gründe für ihre Ablehnung vor.

Grund eins: Die temporäre Spielstraße ist unnötig, denn bei den Veranstaltungen im vergangenen Jahr waren nicht sehr viele Kinder anwesend. Außerdem gäbe es anderswo – etwa auf dem Humannplatz – ausreichend Spielgelegenheiten für Kinder.
Matthias Groh, einer der Spielstraßen-Initiatoren, hielt dem entgegen, dass der Spielplatz dort sehr wohl oft überfüllt sei – so sehr, dass er ihn mit seinem Sohn dann meide.
Stadtrat Torsten Kühne stützte Grohs Beobachtungen: Die gesetzlich vorgegebene Spielfläche betrage pro Einwohner einen Quadratmeter Spielplatz – der Humannkiez biete gerade einmal ein Drittel davon.
Die Spielstraßengegner zogen Kühnes Zahlen in Zweifel.

Grund zwei: Das südlichste Teilstück der Gudvanger Straße wird ab den kommenden Tagen saniert, die Absperrung könnte die Baumaßnahme verzögern, wenn die benötigten Materialien nicht über die Erich-Weinert-Straße angeliefert werden könnten.
Bezirksstadtrat Kühne machte auf die – sowieso günstigere – Anfahrt über die Wichertstraße aufmerksam.
 

Fremde Kinder…

Grund drei: Die Befürworter der Spielstraße kämen gar nicht aus der Gudvanger Straße. „Wer wohnt denn von Ihnen hier?“, fragte einer der Spielstraßengegner, und als sich nur eine Person meldete: „Na also…“
Der Hinweis, dass ein Großteil der Kinder aus den umliegenden Kindertagesstätten und der unmittelbar benachbarten Schule kämen, wurde mit der Behauptung gekontert, dass die Schüler dieser Schule ja aus allen möglichen Gegenden „herangekarrt werden.
Das brachte einen jungen Mann auf den Plan, der – nach eigenen Angaben Schichtarbeiter – darüber klagte, dass des Morgens kurz vor Acht, wenn er sich gerade zu Bett begeben habe, er durch hupen und laut zuschlagenden Autotüren von Eltern, die ihre Kinder offenbar auf dem letzten Drücker zur Schule bringen, am Einschlafen gehindert werde. Und er ebenso unsanft geweckt werde, wenn die Schüler mit identischem Geräuschpegel von der Schule abgeholt werden.

Gudvanger Straße als Ersatz-Schönhauser?

Gudvanger Straße als Ersatz-Schönhauser?

Zwar hatte das nun nicht unmittelbar etwas mit der Spielstraße zu tun, doch Matthias Groh von der Spielstraßeninitiative konnte dem Beschwerdeführer immerhin die frohe Botschaft mitgeben, dass mit der temporären Spielstraße zumindest alle zwei Wochen der Kindermitdemautoabhollärm entfallen werde – denn da sei die Straße vor der Schule ja für den Durchgangsverkehr gesperrt.

Grund vier: Irgendwann soll nach den Vorstellungen des Bezirksamtes eine Spur der Schönhauser Allee gesperrt werden. Dann, so die geäußerte Befürchtung, könnte der Schleichverkehr durch die Gudvanger Straße führen. Auch das hatte zwar nicht wirklich mit der Spielstraße zu tun – doch der Bezirksstadtrat wies dennoch darauf hin, dass in Sachen Schönhauser Allee erst einmal nur Überlegungen existierten, die in zeitlich weite Ferne reichten.

Grund fünf: Die Kinder könnten darüber verwirrt sein, dass eine Straße zum Spielen da ist und daraus den Schluss ziehen, immer auf allen Straßen spielen zu können. Ein Bewohner berichtete, wie er gesehen habe, dass sich nach dem Abbau der Spielstraßenstraßenabsperrung noch Kinder auf der Straße befunden hätten.
 

„Warum hier und nicht dort oder dort oder dort…?“

Spielstraßen-Innitiator Groh räumte ein, dass das Ende der Veranstaltung tatsächlich etwas deutlicher kundgetan werden müsste. Auch er habe eine solche Situation schon einmal erlebt – allerdings seien es Erwachsene gewesen, die da weiter plaudernd auf der Straßen standen… Motto: Überall, aber bitte nicht hier.

Alternative eins: Der Schulhof der Wilhelm von Humboldt-Schule sollte zum Spielen für alle geöffnet werden.
Bezirksstadtrat Torsten Kühne wies darauf hin, dass aus Sicherheitsgründen das Schulgelände für Schulfremde Personen in der Regel tabu ist.

Steinwüste Minna-Flake-Platz

Steinwüste Minna-Flake-Platz

Alternative zwei: Noch nicht als Spielplatz genutzte Teile des Humannplatzes sollten als entsprechend umgebaut werden. Da gebe es noch sieben Grünflächen, bei denen man „mehr herausholen“ könne.
Jeanette Münch vom Jugendamt wies darauf hin, dass die Struktur des Platzes unter Denkmalschutz stehe und solche Veränderungen dem entgegenstünden. Torsten Kühne ergänzte, dass derartige Baumaßnahmen zudem einen mehrjährigen Planungs- und Genehmigungsvorlauf benötigen.

Alternative drei: Spielen auf dem Minna-Flake-Platz.
Der, so Stadtrat Torsten Kühne sei unter anderem wegen der Bepflasterung für vielerlei Aktivitäten (Bobbycar-Rennen, Skaten) ungeeignet.
(nebenbei: Was immer Frau Minna Flake auch verbrochen haben mag – dass ein solches zur Steinwüste verkommenes Mahnmal stadtgestalterischen Versagens ihren Namen trägt, hat sie mit Sicherheit nicht verdient.)

Alternative vier: zwischen dem Lidl-Markt und dem Ärzte-Haus an der Prenzlauer Allee (sei „ja gar nicht so weit weg“) könnte man Spielgelegenheiten schaffen.
Das, so Jeanette Münch vom Jugendamt, sei nicht möglich, da sich das Gelände dort größtenteils in private Händen befinde.

Damit waren die Alternativen weitgehend ausgereizt.

 

Der Untergang scheint besiegelt

Bis zum Ende der Anhörung blieben die Positionen verhärtet. Während Befürworter der temporären Spielstraße unter anderem darauf hinwiesen, dass es hier auch um die Berücksichtigung von Interessen eines erheblichen Teils der Einwohner (gemeint waren die Kinder) geht, sahen die Gegner den erneuten Versuch auf knapp vierzig Meter Straße zweimal im Monat ein paar Stunden lang Kinder zum Spielen einzuladen, als eine Art behördliche Willkür an.

Bezirksamt jedenfalls wird auch nach der turbulenten Anhörung am Projekt temporäre Spielstraße festhalten. Anfang Mai soll der Start erfolgen.

Aufgehalten werden könnte es durch einen formalen Widerspruch von Anwohnern. Dann so Bezirksstadtrat Torsten Kühne, werde erst einmal der Widerspruch bearbeitet und dann abgewartet, ob innerhalb der vorgesehenen Frist erneut eine Klage eingereicht wird.
Nachdem, was an diesem Abend zu hören war, erscheint das nicht ganz unwahrscheinlich. Schließlich geht es um neun Tage, die den Kiez so sehr erschüttern werden, dass der Untergang des Humannviertels im allgemeinen und jener des Hauses Gudvanger Straße 22 im besonderen besiegelt sein dürfte.

 

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2 Kommentare zu “Neun Tage, die den Kiez erschüttern”

  1. Sven Rude via Facebook

    Apr 20. 2016

    wenn Kinder auf der Straße spielen, dann sollten die Autos auf den Spielplätzen parken dürfen… 😉 sorry, aber es gibt genug Spielplätze und Parks, denkt mal zurück, wie viele Spielplätze es früher gab… kaum einen! Die Eltern sind doch nur zu faul mit ihren Gören paar Schritte weiter zu laufen,

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  2. Schade. Wegen 9 Tagen wird hier so ein Fass aufgemacht? Das ist doch eine Farce! Ich hoffe, dass das Projekt weiterlaufen kann. Und nein, ich habe keine Kinder, ich finde es einfach nur gut, diesen in einer zugepflasterten Stadt mit zu wenig Freizeitmöglichkeiten Alternativen bieten zu können.

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