Frauennamen für Dreiecksplätze: Ehrungen zweiter Klasse


 

Es sind zu wenig öffentliche Straßen und Plätze nach verdienstvollen Frauen benannt, lautet eine ebenso bekannte, wie zutreffende Klage. Der Aktionismus, mit dem zuweilen dieses Defizit behoben werden soll, ist allerdings fragwürdig.

 

Im März 2013 beauftragte die BVV Pankow das Bezirksamt, „ein Viertel mit überwiegend Nummernstraßen zu ermitteln, das geeignet ist, diese nach Frauen umzubenennen, die im Bezirk gewirkt haben.“
Die Pankower Bezirksverwaltung tat, wie ihr geheißen und wählte in Zusammenarbeit mit dem Frauenbeirat Pankow ein Viertel südöstlich der Blankenburger Chaussee in Karow aus. Hier befinden sich die Straßen 42 bis 69 – fünfzehn von ihnen sollten künftig die Namen verdienter Pankower Frauen tragen.

Das sahen die Anwohner jener Straßen anders: Nach dem Bekanntwerden des Vorhabens gab es massive Proteste.

Straße 42 in Karow

Sicher war die Ursache der Kritik nicht in den vorgeschlagenen Namen an sich zu suchen – vielmehr bringt eine solche Umbenennung für jeden Betroffenen etliche Ungelegenheiten und oft auch Kosten mit sich, die man sich gern ersparen mochte.

Doch mit einer solchen Begründung lassen sich Umbenennungen natürlich nicht verhindern. Also argumentierten die Umbenennungsunwilligen mit dem Hinweis auf die Lage und vor allem den Zustand der Straßen. Was sei denn das für eine Ehrung, wenn die Name der zu ehrenden nun auf den Schildern heruntergekommener, vom Bezirk seit Ewigkeiten vernachlässigte und teilweise unbefestigter Wege ganz am Rande der Stadt erscheinen?
 

Erst vorschlagen – dann kundig machen

Das Bezirksamt zeigte sich peinlich berührt und hatte nun die Wahl, entweder die Straßen des Viertels unverzüglich zu sanieren oder die Umbenennung abzublasen. Man entschied sich für die zweite Variante und ließ die Bezirksverordneten wissen:
„Der Frauenbeirat Pankow hat nunmehr nach Besichtigung der Straßen seine Namensvorschläge der für den Bezirk Pankow verdienten Frauennamen zurückgezogen, da diese Straßen den zu ehrenden Frauen nicht gerecht werden.“

Die Geschäftsführerin des Pankower Frauenbeirates gab damals unumwunden zu, dass der Eklat auf eine selbstverschuldete Unwissenheit zurückzuführen war – man hatte es schlicht versäumt, hatte die vorgeschlagenen Straßen vorher wenigstens mal kurz in Augenschein zu nehmen: „Wir hätten das vielleicht früher machen sollen, aber schließlich arbeiten alle ehrenamtlich, wir haben es nicht früher geschafft.“

Auch ein Ersatz war nicht aufzutreiben, denn: „Die Nummernstraßenviertel des Bezirks liegen in den äußeren Ortsteilen“, teilte das Bezirksamt zum Abschluss der Posse mit, „und weisen auf Grund ihrer Historie überwiegend einen Ausbauzustand auf, der einer Ehrung der Frauen nicht gerecht werden kann. Das Bezirksamt Pankow nimmt daher Abstand von der Benennung eines Viertels mit Nummernstraßen.“

 

Adressenlose Steinwüste als Verlegenheitslösung

Unproblematisch hingegen scheint die Benennung von Straßen und Plätzen, die neu entstehen. Aber wo findet man die noch mitten in der Stadt?

Als im Zuge der Umgestaltung des Kreuzungsbereiches der Prenzlauer Berger Krüger-/ Dunckerstraße eine steinwüstenähnliche, aber autofreie Insel entstand, wurde die flugs zum „Minna-Flake-Platz“ deklariert.

Minna-Flake-Platz in Prenzlauer Berg

„Was immer Frau Minna Flake auch verbrochen haben mag“, kommentierte damals die Prenzlberger Stimme die Namensgebung, „dass ein solches zur Steinwüste verkommenes Mahnmal stadtgestalterischen Versagens ihren Namen trägt, hat sie mit Sicherheit nicht verdient“.

Vor allem aber: Auf diesem nun weiblich benamsten Pflastersteinbruch hat niemand eine Adresse, es ist also höchstens eine Ehrung zweiter Klasse.

Denn wenn eine Straße oder ein Platz nach einem Menschen benannt wird, ist das immer eine zweifache Ehrung. Zum einen, weil der Name nun Bestandteil des Stadtbildes ist. Das ist sozusagen der passive Part. Der aktive – und letztlich viel intensivere – Teil der Ehrung besteht jedoch darin, dass der Name, mit dem ein öffentlicher Ort benannt wird, bei jedem Eintrag in ein Ausweispapier, bei jeder Briefanschrift, jeder Nennung der Adresse neu aufgerufen wird. Immer und immer wieder.

 

Einwände ohne Sachkenntnis

Im Februar 2018 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung auf Antrag von Bündnis 90/ Die Grünen
„den Dreiecksplatz zwischen Naugarder Straße, Hosemannstraße und Erich-Weinert-Straße sowie den Dreiecksplatz zwischen Krügerstraße, Dunckerstraße und Kuglerstraße jeweils nach einer geeigneten Frauenfigur aus der Weissenseer Stummfilmzeit zu benennen. “

Das hatte irgendwie Charme: Die Benennung von Plätzen, an denen niemand eine Adresse hat, mit Namen von Frauen, die nie real existiert haben.

Das Bezirksamt aber war für eine solch nette Spielerei nicht zu begeistern und teilte nun in Abstimmung mit dem Pankower Frauenbeirat mit:

„Das Rollenbild von Frauen, das in den meisten dieser Filme vermittelt wird, war schon
zur damaligen Zeit nicht progressiv. Es ist unverständlich, warum diese Frauenfiguren
mit einer Platzbenennung geehrt werden sollten.“

Die Antwort lässt nicht nur eine gewisse Verbissenheit erahnen, sondern auch ein gerüttelt Maß an Unkenntnis der Materie. Denn tatsächlich gab es auch schon zur Kinderzeit des Kinos Filme, die – im Stil ihrer Zeit – von bemerkenswerten Frauen erzählten.

Asta Nielsen in „Die Sufragette“

Genannt seien hier zum Beispiel Asta Nielsens Zirzi in „Die Tochter der Landstraße“ von Urban Gad, „Die Sufragette“, ebenfalls mit Asta Nielsen oder die Frauenfiguren in Gerhard Lamprechts Sozialdrama „Menschen untereinander“, das in einer Berliner Mietskaserne spielt.

Natürlich hätte man auch Manny Zieners Büglerin aus „Die zerbrochene Puppe“ von Hans Oberländer nehmen können. Die ist – wie der ganze Film – weder reaktionär, noch revolutionär, sondern bloß wunderbar klammottig.
Aber bei der Benamsung von öffentlichen Straßen und Plätzen hört in Pankow der Spaß auf.

Gar nicht spaßig ist auch, was nun präsentiert wird.

In einer „Vorlage zur Kenntnisnahme“ an die Bezirksverordneten der Pankower BVV teilte das Bezirksamt jüngst mit:

„In Kooperation mit der AG SpurenSuche des Frauenbeirates Pankow“ heißt es in einer Mitteilung des Bezirksamtes, „hat dieser zwei Alternativvorschläge für die beiden Dreiecksplätze unterbreitet, die sowohl einen inhaltlichen Bezug zu den angrenzenden Straßennamen als auch eine Bezug zur Region haben:
Dreiecksplatz zwischen Naugarder Straße, Hosemannstraße und Erich-Weinert-Straße nach der Bildhauerin und Malerin Gertrud Classen (1905-1974) und Dreiecksplatz zwischen Krüger- Duncker- und Kuglerstraße nach der Angehörigen des Friedländer Kreises Gertrud Pincus (1890-1941)“

Die Kommunistin Gertrud Classen leitete nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten eine illegale, antifaschistische Gruppe junger Künstler. Sie beteiligte sich an der Herstellung und Verbreitung illegaler Flugblätter.

Gertrud Classen

Nach einem längeren Aufenthalt in der sicheren Schweiz kehrte sie 1939 nach Berlin zurück und wurde hier mehrfach festgenommen und verhört.
Sie wirkte dann im Widerstand mit der Schulze-Boysen/Harnack-Organisation („Rote Kapelle“) zusammen und beherbergte heimlich die Widerständlerin Ilse Stillmann, deren Vater Jude war, und den Wehrmachtsdeserteur und Widerstandskämpfer Oskar Huth.

Nach dem 20. Juli 1944 soll Classen den Mitverschwörer Ludwig von Hammerstein-Equord versteckt und ihm falsche Papiere besorgt haben. Im Herbst 1944 nahm sie mehrmals an der Herstellung gefälschter Lebensmittelmarken für die Versorgung von Ilse Stillmann teil.

Gertrud Classen überlebte die Nazizeit und starb 1974 in Berlin.

Gertrud Pincus arbeitete ab den 1920er Jahren im Jugendamt Prenzlauer Berg. Das Amt wurde von Jugenhilfereformer Walter Friedländer geleitet, neue, zum Teil bis heute gültige Wege in der Jugendhilfearbeit entwickelte.

Stolperstein für Gertrud Pincus
Foto: Initiative Stolperstein Charlottenburg-Wilmersdorf

Das Konzept Walter Friedländers diente nicht nur der Betreuung und Versorgung der Kinder, sondern sollte als pädagogische Einrichtungen familiäre Defizite des sozial brisanten Arbeiterbezirks Prenzlauer Berg kompensieren.
Gertrud Pincus übernahm in Friedländers Jugendamt – das als Musterbehörde für das ganze Deutsche Reich galt – die Organisation des des Krippen-, Hort- und Kindergartenwesens.
Während Friedländer nach der Machtübergabe an die Nazis ins Exil fliehen konnte, blieb Gertrud Pincus in Berlin. Sie wurde am 27. November 1941 wie ihr Ehemann Paul von den Nazis nach Riga deportiert und dort am 30. November 1941 ermordet. Heute erinnern zwei Stolpersteine vor ihrem einstigen Wohnhaus in der Charlottenburger Windscheidstraße 8 an das von den Nazis ermordete Ehepaar.

 

Adressen, an denen niemand wohnt

Die Benennung des „Dreiecksplatzes“ an der Krügerstraße, einer heruntergekommene, verwilderte Verkehrsinsel, soll also nach den Vorstellungen des Pankower Frauenbeirats und dem Willen des Bezirksamtes eine Ehrung für eine Frau darstellen, die viel für Prenzlauer Berg geleistet hat und im „Dritten Reich“ von den Nazis ermordet wurde.

Selbst wenn dieser Platz irgendwann aufgehübscht werden sollte, wird nie jemand eine Gertrud-Pincus-Platz als Wohnsitz in seinem Ausweis eingetragen haben, kein Brief wird je dorthin adressiert werden.
Gleiches gilt für Gertrud Classen, denn auch der Dreiecksplatz an der Naugarder Straße ist so gelegen, dass er nie eine Adresse wird, die eine Anschrift von irgend jemand ist.

Im Gegensatz zu all den anderen Menschen, die mit einer Benennung einer öffentlichen Straße oder eines Platzes geehrt wurden und deren Namen jeden Tag immer wieder aufgeschrieben und aufgerufen werden, wird – so die Bezirksverwaltung bei ihrem bekundeten Willen bleibt – diese tagtägliche, alltägliche Ehrung versagt bleiben. Bezirksamt und Frauenbeirat und billigen diesen beiden Frauen – wie schon zuvor der einstigen Prenzlauer Berger Stadtschulärztin Minna Flake – nur einen Ehrung Zweiter Klasse zu.

 

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2 Kommentare zu “Frauennamen für Dreiecksplätze: Ehrungen zweiter Klasse”

  1. Danke für diesen tollen Beitrag!

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  2. Anni

    Sep 18. 2018

    Wunderbar, vielen Dank für diesen Beitrag! Benennt endlich diese unsäglichen Nummernstraßen! Und: Immerhin sind die unbefestigten Straßen wunderbar grün, sehr viel ansehnlicher (wenn auch schlechter befahrbar) als die innerstädtischen Betonspuren.

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