Sieben Steine, sieben Menschen, sieben Schicksale – verfolgt, vertrieben, ermordet

 

Joachim Salinger war sichtlich bewegt, als am Donnerstag der Künstler Gunter Demnig vor dem Haus Torstraße 83 die Stolpersteine für Eva Salinger, Bertha Minna Martha Neuman, Frieda Neumann, Johanna Freiberg und Max Freiberg in den Boden vor dem Eingang verlegte.

Der französische Schauspieler und Autor hatte über zehn Jahre lang die Geschichte seiner Familie und ihrer Freunde recherchiert, war immer wieder nach Berlin und Potsdam gereist, um dort in den Archiven nach Hinweisen zu suchen. (der Bericht von Joachim Salinger ist hier zu lesen)

Begonnen hatte es mit Eva Salinger, der Schwester seines Großvaters. Die alleinerziehenden Mutter wohnte zur Untermiete in der Lothringer Strasse 31 (heute: Torstraße 83).
Jürgen fand heraus, dass so wie Eva auch deren Berliner Vermieter als Juden dem Naziterror ausgesetzt waren. Also suchte auch er nach Dokumenten über die Familie Neumann.
Das, was er fand, blieb in vielen Punkten bruchstückhaft. Wenige Dokumente und nur ein einziges Foto von Eva und ihrer Tochter Ruth.

Fünf Stolpersteine wurden vor der Eingangstür des Hauses Torstraße 83 verlegt, zwei weitere vor dem Haus Torstraße 106 für Siegbert Louis Freiberg .
Mit dabei war ein Team eines französischen Hörfunksenders sowie je eine Klasse der Comeniusschule und der Schule am Teutoburger Platz.

 

Torstraße 83


 

Eva Salinger

wurde 1899 in Laskownica, in der Nähe von Posen, als Tochter von Joseph und Paula Salinger geboren. Sie war das zweite von insgesamt fünf Kindern und verlor ihre Eltern bereits früh. Als alleinerziehende Mutter lebte sie mit ihrer Tochter Ruth erst lange in Deutsch Krone und dann später, als Untermieterin von Bertha Neumann und ihren Töchtern in der Lothringer Strasse 31 (heute: Torstraße 83), in Berlin. Eva schaffte es, ihre Tochter mit einem Kindertransport nach England und in Sicherheit zu bringen. Sie selbst hatte weniger Glück, sie wurde 1941 erst nach Lodz und später von dort ins Vernichtungslager Chelmno deportiert. Dort wurde sie kurz nach ihrer Ankunft im Mai 1942 ermordet. Eva war 43 Jahre alt.
 

Bertha Minna Martha Neumann, geb. Joachimsthal

wurde 1859 in Drossen / Brandenburg geboren. Bertha, Witwe von Hermann Neumann, lebte mit ihren beiden Töchtern Frieda und Johanna in der Lothringer Straße 31 in Berlin. Sie hatte noch einen Sohn – Erich – der bereits 1926 verstarb. Bertha wurde am 15. August 1942 zusammen mit ihren Töchtern mit dem 18. Osttransport nach Riga deportiert. Kurz nach ihrer Ankunft wurde sie dort von den Nazis ermordet. Bertha war 83 Jahre alt.
 

Frieda Neumann

wurde 1894 in Zerpenschleuse/Niederbarnim als zweites Kind von Hermann und Bertha Neumann geboren. Bis zu ihrer Deportation im August 1942 lebte sie mit ihrer Mutter Bertha und ihrer Schwester Johanna in Berlin. Laut ihrer Akte im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam (BLHA) arbeitete Frieda im jüdischen Krankenhaus. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester wurde sie nach Riga deportiert und dort kurz nach ihrer Ankunft von den Nazis ermordet. Frieda war 48 Jahre alt.
 

Johanna Freiberg, geb. Neumann

wurde 1897 als jüngstes Kind von Hermann und Bertha Neumann in Zerpenschleuse / Niederbarnim geboren. Im März 1932 heiratete Johanna den Witwer und alleinerziehenden Vater Max Freiberg. Mit ihm zusammen lebte sie bei ihrer Mutter und Schwester. Max und Johanna hatten eine Tochter, Inge (*1934) die jedoch bereits 1937 verstarb und auf dem jüdischen Friedhof in Weissensee beigesetzt wurde. Johanna arbeite laut ihrer Akte im BLHA als Pflegerin im jüdischen Krankenhaus. In anderen Unterlagen findet sich der Hinweis, dass sie als selbständige Händlerin auf Wochenmärkten Stoffe und Damenwäsche verkauft hat. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester wurde auch sie im August 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet. Sie wurde 45 Jahre alt.
 

Max Freiberg

kam 1889 als Sohn von Hermann und Johanna Freiberg (geb. Spicker) in Krojanke / Westpreussen zur Welt. Als er 1932 Johanna Neumann heiratete, hatte er aus erster Ehe bereits einen sechsjährigen Sohn – Siegbert Freiberg (*1926/Berlin). Max, der als selbstständiger Kaufmann arbeitete, wurde 1938 von der Gestapo in „Schutzhaft“ genommen und in Buchenwald inhaftiert. 1939 wurde er wieder freigelassen und sah sich gezwungen das Land zu verlassen. Er flüchtete nach Shanghai, wo er für mehrere Jahre in einem jüdischen Ghetto lebte. Gesundheitlich angeschlagen ging er nach Ende des Krieges in die USA wo er wieder mit seinem Sohn Siegbert zusammengeführt wurde. Max starb 1955 in New York an Speiseröhrenkrebs.

 

Torstraße 106


 

Siegbert Freiberg

wurde 1926 in Berlin geboren. Bereits mit 3 Jahren verlor er seine Mutter. Die Jüdin Johanna Neumann, die sein Vater 1932 heiratete, betrachte Siegbert als seine Mutter. Bis zu seinem 14. Lebensjahr besuchte Siegbert die 3. Jüdische Volksschule in Berlin. Er lebte bei seinem Onkel Louis in der Lothringer Strasse 57 (Torstrasse 106).
Ab 1941 leistete er Zwangsarbeit in den Borsig-Werken. Im Februar 1943 wurde Siegbert von der Gestapo abgeholt und in das Sammellager der Synagoge Levetzowstrasse gebracht. Dort brach er sich am gleichen Tag bei einem Sturz das Bein und wurde ins Jüdische Krankenhaus in der Iranischen Straße überstellt.
Später sagt er dazu, dass er nicht verstanden habe, warum man ihn ins Krankenhaus gebracht und nicht gleich erschossen habe. Dank seiner Verletzung wurde Siegbert nicht deportiert. Er wurde innerhalb des Krankenhauses in ein Sammellager verlegt und musste später wieder Zwangsarbeit leisten. Im April 1945 wurde er entlassen und versteckte sich bis zum Kriegsende in Niederschönhausen. Von wanderte er im Juli 1946 in die USA aus, wo er seinen Vater wiederfand. Siegbert verstarb im April 2002 im Alter von 76 Jahren in Queens, New York. Er war glücklich verheiratet und hatte keine Kinder.
 

Louis Freiberg

war der kleine Bruder von Max Freiberg. Er kam 1894 in Krojanke / Westpreussen zu Welt, war unverheiratet und lebte in der Wohnung seiner Eltern in der Lothringer Strasse 57 zusammen mit seinem Neffen Siegbert und zwei Untermietern, dem Ehepaar Manfred und Bertha Friedmann (geb. Thür). Louis wurde am 01.03.1943 nach Auschwitz deportiert. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass er überlebt hat.

 

Fotoimpressionen von den Stolpersteinverlegungen Torstraße 83 und 106

 

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