Radweg! Auf! Die! Fahrbahn! (Dramolett in neun Akten)


 

 

Prolog

Der Radweg in der Storkower Straße zwischen der Kniprodestraße und der Landsberger Allee dürfte so aus dem Ende der 1970er Jahre stammen. In den vergangenen 40 Jahren ist da – außer eiin paar Flickarbeiten – nicht allzu viel geschehen. So sieht er dann auch aus, so fühlt er sich beim Drüberwegfahren an.

An den Ausfahrten – etwa von der Tankstelle oder aus dem Gewerbegebiet – wird man als Radler von den Autofahrern gern schon mal übersehen. Problematisch ist auch das Linksabbiegen in das Gewerbegebiet, das von dem auf dem Bürgersteig befindlichen Holperradweg nicht möglich ist.

 

1. Akt

Im August 2017 erkundigte sich der SPD-Bezirksverordnete Mike Szidat in einer an das Bezirksamt gerichteten Kleinen Anfrage, ob die Bezirksverwaltung möglicherweise schon mal daran gedacht hat, beim Senat Gelder zur Sanierung der Holperpiste zu beantragen.
Nein, antwortete der zuständige Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn, denn: „Der Radweg entspricht nicht den Anforderungen an eine Radverkehrsanlage, weil die erforderliche Breite nicht vorhanden ist. Auch der Sicherheitsabstand zum ruhenden Verkehr ist nicht gewährleistet.“ Was meint, dass der Radweg zu nah an sich plötzlich öffnenden Autotüren platziert ist. Einfach den Radweg glätten würde nicht ausreichen. Es wäre „eine komplette Umgestaltung des Seitenraumes der Storkower Straße erforderlich.“ Das könne man nicht aus Mitteln finanzieren, die lediglich für die Radwegerneuerung vorgesehen sind.

Aber, so fragte Szidat weiter, wie wäre es denn, wenn man den Radweg auf die Fahrbahn verlege?

Das, antwortete Bezirksstadtrat Kuhn, wäre möglich. Dann müsste aber „eine komplette Umplanung des Seitenraumes, unter Berücksichtigung des ruhenden Verkehrs und des Fahrbahnzustandes, im Bereich des zukünftigen Radfahrstreifens erfolgen. Die Herstellung eines Radfahrstreifens würde die Verkehrssicherheit für den Fahrradverkehr in der Storkower Straße entscheidend verbessern.“

Geld vom Senat wäre dafür vorhanden, mit der Planung könnte in Abhängigkeit von der Personalsituation im Straßen- und Grünflächenamt 2018 begonnen werden. Dann wäre die Umsetzung frühestens 2019/2020 möglich.

 

2. Akt

Auf der BVV-Tagung am 5. September 2017 reichen Mike Szidat und der SPD-Fraktionsvorsitzende Roland Schröder einen Antrag ein, in dem das Bezirksamt ersucht wird, die zur Anlage eines Radfahrstreifens in der Storkower Straße zwischen Kniprodestraße und Landsberger Allee erforderlichen Umplanungen des Seitenraumes einzuleiten.

In der Begründung heißt es:
„Da nach Auffassung des Bezirksamtes der Radweg nicht den Anforderungen an eine Radverkehrsanlage hinsichtlich der erforderlichen Breite und des Sicherheitsabstandes zum ruhenden Verkehr entspricht und diese Mängel durch eine Sanierung nicht zu beheben sind, und auch das Bezirksamt die Schaffung eines Radfahrstreifens auf der Fahrbahn die Verkehrssicherheit in der ‚entscheidend verbessern‘ würde“, möge schnellstmöglich so verfahren werden.

Der Antrag wird in den BVV-Ausschuss für Verkehr und öffentliche Ordnung überwiesen.

Am 30. November empfiehlt der Ausschuss, der BVV, den Antrag ohne Änderung anzunehmen. Am 17. Januar 2018 wird der Antrag von der BVV einstimmig angenommen.

 

3. Akt

Bereits ein halbes Jahr später, am 6.Juni 2018, teilt Stadtrat Vollrad Kuhn in einer „Vorlage zur Kenntnisnahme “ den Bezirksverordneten mit, dass das Anlegen eines Radfahrstreifens auf der Fahrbahn der Storkower Straße mit einer kompletten Umplanung des Seitenraumes unter Berücksichtigung des ruhenden Verkehrs verbunden ist, es sich dabei also um eine umfangreiche Planungsaufgabe handelt, die einen entsprechend langen Planungszeitraum beanspruchen wird. Geld vom Senat wäre zwar da, aber leider fehlt’s im Bezirksamt an Personal um die Sache umzusetzen.

Immerhin: Der sparsame Umgang mit Ressourcen zeigt sich beim Bezirksamt auch bei der Wiederverwendung von Textbausteinen.

 

4. Akt

1.September 2018: Zwei Radwegplaner nehmen ihren Dienst im Bezirksamt auf.

 

5. Akt

In einem von der BVV am 28. November 2018 angenommenen Beschluss wird an die Anlage von Radstreifen auf der Fahrbahn der Storkower Straße erinnert und das Bezirksamt gebeten, zu prüfen, ob man in der Mitte der Storkower auf einem zu schaffenden Mittelstreifen Parkplätze einrichten kann.
Wohl um dem „Keine-Leute“- Textbaustein einen erneuten Einsatz zu ersparen, wird das Bezirksamt vorsorglich auf die Möglichkeit hingewiesen, die Planungen für den Fahrradstreifen von der landeseigenen Gesellschaft Infravelo GmbH durchführen zu lassen.

 

6. Akt

Das Bezirksamt reagiert mit geradezu annähernder Lichtgeschwindigkeit und berichtet nicht einmal drei Monate später – am 20. Februar 2019 – dass die Inanspruchnahme der Infravelo nicht mehr notwendig sei. Denn Dank des Personalaufwuchses könnte nun – nein, nicht der Radstreifen geplant – die Ausschreibung Angriff genommen werden, mit der ein Planungsbüro gesucht wird, das den neuen Radweg planen soll.

 

7. Akt

Das Planungsbüro ist gefunden. Am 11. April stellt es im BVV-Ausschuss für Verkehr und öffentliche Ordnung im Beisein des Bezirksstadtrates seine Planungsvorschläge vor.

Danach sollen die vorhandenen Radwege auf beiden Bürgersteigen etwas verbreitert werden. Um dies zu erreichen, müssen die Laternen auf beiden Seiten der rund einen Kilometer langen Strecke in Richtung Bürgersteig versetzt werden. Was immerhin zwei Kilometer Laternenstrecke bedeutet.
An den Bushaltestellen soll der Radverkehr hinter den Wartehäuschen entlanggeführt werden. Zur besseren Überquerung sind auf der Fahrbahnmitte zwei Mini-Fußgängerinseln vorgesehen.

Bei den Ausschussmitgliedern herrscht eine gewisse Ratlosigkeit.

 

8. Akt

René Feige (Bündnis 90/ Die Grünen) findet, das sei eigentlich keine wirkliche Radfahranlage, sondern bloß ein erweiterter Radweg. Er erntet seitens der Planer und des Bezirksamts energischen Widerspruch.
Roland Schröder (SPD) ist über die Radwegführung hinter die Haltestellenhäuschen: Damit hatte man in Pankow schlechte Erfahrungen gemacht, die Konflikte „Radfahrer versus Fußgänger“ sind bei dieser Konstellation bedeutend größer, als wenn der Radverkehr – wie der andere Straßenverkehr auch – vor der Haltestelle vorbeifließt. Ursprünglich „hinterrücks“ gebaute Haltestellenkaps wurden deshalb umgebaut. In der Schönhauser Allee kann man das „Hintenrum-Problem“ noch live und in Farbe erleben – auch hier soll sich in absehbarer Zeit etwas ändern.

Die Planer lassen sich nicht irritieren: Die Radwegführung hinter der Haltestelle werde überall so gehandhabt. „Bei uns nicht“, kontert Schröder. Das Bezirksamt verhält sich auffallend still.
Weiteres wird kritisiert, etwa die sehr bescheidenen Abmessungen der Fußgängerinseln.
 

9. Akt

Einer hat die Diskussion bis dahin still und mit einem etwas ungläubigen Blick verfolgt: Johannes Kraft. Fraktionsvorsitzender der CDU. Schließlich meldet er sich zu Wort: Alle Laternen versetzen – hat mal jemand ausgerechnet, was das kostet?
Schweigen beim Bezirksstadtrat, Schweigen bei den Planern.

Er sei ja, fährt Kraft schließlich fort, bekanntermaßen keiner, der sich vehement für die Reduzierung von Parkplätzen einsetzt. Aber in diesem Fall… – warum verlegt man den Radweg nicht einfach auf die rechte Fahrbahnspur? Allein schon wegen der Kosten?

Kaum hat er geendet, bricht in dem kleinen Sitzungsraum eine Art Jubel aus. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Roland Schröder springt innerlich vor Begeisterung im Dreieck und auch physisch hält es ihn kaum auf seinem Stuhl: Ja, volle Zustimmung, ja, den Radweg auf die Straße!
Auch bei den anderen Ausschussmitgliedern Zustimmung: Flächengerechtigkeit, da kann man nicht den Fußgängerweg…, es sind ausreichend Fahrbahnen…, es ist sicherer… … …

 

Epilog

Ausschussvorsitzender Wolfram Kempe (Linksfraktion) stellt auch ohne Abstimmung fest, dass der Vorschlag allgemeine Zustimmung findet. Er bittet die Vertreter des Planungsbüros, diese Variante des Radweges mit in ihre Überlegungen mit einzubeziehen.

Die Planer geben zu erkennen, dass sie das eigentlich eher nicht…

Ausschussvorsitzender Kempe wiederholt sein Ansinnen in einer Lautstärke, die aus der Bitte eine Aufforderung werden lässt.

ENDE (vorläufig)

 

VORSCHAU

Demnächst in diesem Theater:

– BVV beschließt Zebrastreifen vor einer Schule.

– Bezirksamt findet das gut, kann aber mangels Personal (fehlende Zebrastreifeningenieure) nichts machen

– Zwei Jahre später: BVV erinnert an den Zebrastreifen. Bezirksamt sieht sich auf Grund des anhaltenden Zebramangels außerstande…

– Sechs Monate später: Ein Zebra und ein Ingenieur nehmen ihren Dienst im Bezirksamt auf.

– Drei Monate später: Bezirksamt gibt auf Nachfrage bekannt, dass durch die Neueinstellungen nun ein Planungsbüro beauftragt werden konnte.

– Vorstellung der Planungen: Ein dreiröhriger Fußgängertunnel soll unter die fünf Meter breite Straße geführt werden. Allerdings müssten für den Bau sämtliche Wasser- und Abwasserleitungen sowie alle Kabelschächte in die benachbarten Straßen verlegt werden.

– Nach intensiver Diskussion – u.a.: wären zwei oder vier Röhren nicht besser als drei, weil, das wären immerhin gerade Zahlen – gibt Bezirksverordneter Johannes K. zu bedenken, dass die Kosten der Leitungsverlegung… . Er schlägt Zebrastreifen statt Tunnel vor.

– Allgemeiner Jubel. Bezirksverordneter Roland S. nominiert K. spontan für die Verleihung der Willy-Brandt-Medaille.

– Planungsbüro….

 



14 Kommentare zu “Radweg! Auf! Die! Fahrbahn! (Dramolett in neun Akten)”

  1. Auch bei dieser Planung ist das Mobilitätsgesetz zu berücksichtigen. Würden Sie Ihr Kind auf dem von SPD und CDU favorisierten Radstreifen auf der Straße fahren lassen? – Da ist noch nichts verstanden worden.

    Reply to this comment
  2. Jetzt vermiss ich doch tatsächlich diesen Ausschuss.😂

    Reply to this comment
  3. Egal wo der Radweg ist, diese Verkehrsteilnehmer fahren dort wo sie wollen und jeder zweite bei Rot oder einfach quer über die Kreuzung. Ich wundere mich nur, dass nicht noch mehr passiert……

    Reply to this comment
  4. Es gibt noch schlimmer, eine Straße weiter ist der Radweg auf der Danziger Str. seit 12 Jahren geplant und immer noch nicht fertig!
    http://www.taz.de/!5522481/

    Reply to this comment
  5. Michael Springer

    Apr 28. 2019

    Gibt es in Pankow auch Fachpolitiker, BVV-die zuerst Planer und Ingenieurbüros mit Grundlagen-Ermittlung und Machbarkeit beauftragen – statt den Baustadtrat mit „bauphilosophischen Anträgen“ in Dauerschleifen zu jagen?

    Müssen Kempe, Schröder und Szidat wegen Betriebsblindheit ausgetauscht und in den Kulturausschuß versetzt werden?

    Wer macht eigentlich in Pankow Supervision für die Kommunalpolitik?

    Reply to this comment
  6. Das Planungsbüro hat recht. Radweg muss hinter die Haltestelle, das ist in Holland und Dänemark aus gutem Grund Standard. Fußgänger und Radler kommen miteinander aus, Busse und Radler nicht.

    Reply to this comment
  7. Mike Szidat

    Mai 05. 2019

    Jeder, der regelmäßig Fahrrad fährt weiß, dass Fahrradspuren auf der Straße die sicherste Variante sind. Alles andere ist teurer und gefährdet Fußgänger und Radfahrer gleichermaßen.
    Sehr geehrter Herr Springer, bevor man sinnlos einfach mal rummotzt (ich weiß, heutzutage gängiges Allgemeingut), sollte man sich vielleicht erst einmal sachkundig machen. Planungsbüros bearbeiten den ihnen erteilten Auftrag, sprich: das Amt von Stadtrat Kuhn hat entsprechende Vorgaben gemacht. Diese sind von der BVV nicht gewünscht und werden dementsprechend abgelehnt. Insofern ist es allein das Amt, dass sich hier Mehrarbeit verschafft…

    Reply to this comment

Kommentar schreiben

Social Media Auto Publish Powered By : XYZScripts.com