Abschied von den „KunstEtagen“ – Standort jetzt wieder kommerziell koordiniert

 

Am Wochenende verabschiedeten sich die Künstlerinnen und Künstler der „KunstEtagen Pankow“ mit einer letzten Werkschau von ihrem Domizil in der Pestalozzistraße. Der Bezirk wird wieder um ein großes Stück Kultur ärmer.

 

Eigentlich ist es historisch konsequent: Errichtet wurde der hässliche Plattenbaukomplex in der Pestalozzistraße 5-8 im Jahr 1964, um Geld heranzuschaffen. Je mehr, desto besser. Denn in diesem einstigen Bürokomplex hatte die Intrac GmbH ihren Hauptsitz, ein Kernunternehmen des „Bereichs Kommerzielle Koordinierung“ des DDR-Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski.

Pankower Kunstdämmerung…

Dessen Aufgabe war es ein Vierteljahrhundert lang, für die vom globalen Währungsmarkt abgeschnittene DDR „Devisen“, also Dollar, D-Mark oder andere frei konvertierbaren Währungen zu beschaffen. Das geschah auf Illegale, halblegale und legale Weise. Hier wurden Müllgeschäfte mit dem Westen genauso abgewickelt, wie Goldtransaktionen.

Im Fachbereich Bau- und Wohnungsaufsicht (FB BWA)“, hatte das Bezirksamt schon vor einiger Zeit mitgeteilt, „liegt der Bauantrag für den Neubau einer Wohnanlage vor. Antragsbezeichnung: Antrag auf vereinfachte Baugenehmigung Neubau von 4 Wohnhäusern, 80 WE, 7.470 m², 30 Stellplätze für PKW, 1 Geschäftseinheit.Der Antrag, welcher den Abbruch aller Gebäude außer dem Baublock Pestalozzistr. 6-8 vorsieht, wurde mit Datum vom 26.06.2017 genehmigt.“

 

Offene Ateliers und Diskussionsforen

Zwischen dem einstigen und nunmehr wieder in Aussicht stehenden Goldhandel gab es ein – zugegeben etwas längeres – Interregnum, bei dem die Kunst vor der kommerziellen Koordinierung zu stehen schien.
Denn seit 2008 wurde der Seitenflügel von Künstlerinnen und Künstlern verschiedener Sparten – Bildende und Darstellende Kunst, Medienkunst, Design, Kunsthandwerk – genutzt.

Da Kunst nichts ohne Rezipienten ist, gründeten die im Haus ansässigen Leute den Verein „KunstEtagenPankow“, der mit Präsentationen und verschiedenen Aktionen der Öffentlichkeit einen Einblick über das Schaffen im Haus gab. Zum Beispiel mit offenen Ateliers, Werkschauen, Konzerten und einem Kulturpolitisches Café als Diskussionsforum.

Im Jahr 2014 dann der erste Einschnitt: Die Künstler und Kunsthandwerker müssen den Seitenflügel verlassen, weil er abgerissen werden soll. Ein Teil von ihnen zog daraufhin mit gewerblichen Einzelverträgen ohne Mietsicherheit in das Vorderhaus um. Damit ging Vieles verloren, die Möglichkeiten der gemeinsamen Projektentwicklung reduzierten sich, der Theaterraum fiel weg.

Als im November 2018 der Eigentümer, der die Immobilie in den 1990er-Jahren günstig erworben hatte, die Abrissarbeiten in die Wege leitete, war klar, dass auch die Tage der „KunstEtagen“ im Vorderhaus gezählt waren. Verhandlungen des Bezirksamtes mit dem Immobilieneigner über einen Verbleib der Künstler, hatten keinen Erfolg.
Bis Ende des Jahres muss das Gebäude leergeräumt sein. Ein Großteil der 25 Betroffenen zieht dann erst einmal in das landeseigene Atelierhaus an der Prenzlauer Promenade. Doch dort sollen in einem dreiviertel Jahr umfangreiche Bauarbeiten beginnen. Dann muss schon wieder eine neue Bleibe gesucht werden.

 

„Pankow läuft Gefahr, einen wesentlichen spezifischen Charakter zu verlieren“

Das Ende des Kunststandortes in der Pestalozzistraße ist Teil einer Entwicklung, bei der immer mehr Arbeitsräumen für Künstlerinnen und Künstler kommerzeiellen Interessen zu Opder fallen. Erst im Sommer musste eine Künstlergruppe die von ihnen genutzte ehemalige australische Botschaft in der Grabbeallee verlassen.
In der Schönhauser Allee 69 kündigte der Eigentümer vor zwei Jahren vor zwei Jahren die Mietverträge sämtlicher Gewerberäume im Hinterhaus der Immobilie auf. Die dort verbliebenen Künstler sollen eine aufwändige Modernisierung hinnehmen, an dessen Ende Mietsteigerungen bis zu 300 Prozent stehen sollen. Für die meisten ist das außerhalb ihrer Möglichkeiten.

„Bezahlbare Räumlichkeiten für Künstler*innen im Bezirk werden immer rarer, der Bedarf an verlässlichen und leistbaren Strukturen wächst täglich“, stellte denn auch kürzlich Bezirksbürgermeister Sören Benn in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Bezirksverordneten. „Das betrifft Ateliers, Probe- und Präsentationsräume gleichermaßen, wie auch für Künstler*innen finanzierbare Wohnungen. Die Kunst- und Kulturschaffenden orientieren sich immer öfter andernorts. Pankow läuft dadurch Gefahr, seine agile und qualifizierte Kunst- und Kulturszene und damit einen wesentlichen spezifischen Charakter zu verlieren.“

 

 

Noch bis 17.01.20: KEP-Gruppenausstellung

Vom 1. November 2019 bis zum 17. Januar 2020 zeigen Künsterinnen und Künstler der KunstEtagenPankow in der Janusz-Korscak-Bibliothek in der Berliner Straße 120 Malerei, Grafik und Objekte:

Christian Badel, Marion Berg, Ralph Bergel, Erdmute Blach, Marie-Ulrike Callenius, Christel Daesler-Lohmüller, Daniela Fromberg, Esther Glück, Robert Hogervorst, Rüdiger Koch, Stefan Kraft, Uschi Krempel, Krisha Leikauf, Celia Mehnert, Simone Ommert, Stefan Roigk, Cori Schubert, Ina Stachat, Paola Telesca, Beate Tischer, Thomas Weidner, Paul Willems, Andreas Wolf und Thomas Wolf.

Die Ausstellung ist bis zum 17. Januar 2020 zu den Öffnungszeiten der Bibliothek zu sehen:

Mo/Di 10–20 Uhr
Mi 13–19 Uhr
Do/Fr 10–19 Uhr
Sa 10–13 Uhr

(Achtung: Die Bilbliothek ist wegen IT-Umstellung bis zum 23 November geschlossen!)
 
Zur Finissage am 17. Januar um 19 Uhr gibt es eine Performance von Christian Badel sowie Kurzfilme von PAPIERKINO (um 17 Uhr für Kinder; um 19 Uhr für Erwachsene).

 

Impressionen von der Abschieds-Werkschau

 



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