„Zweitpeinlichster Berliner 2017“ bedroht Existenz von Seniorenbegegnungsstätte

 

Manchmal ist es einfach nur unangenehm, es mit einem öffentlich als „peinlich“ bekannten Menschen zu tun zu haben. In anderen Fällen kann das schon mal an die existenzielle Substanz gehen. Zum Beispiel dann, wenn es sich um Andreas Bahe handelt, den das Stadtmagazin TIP wegen dessen „rüden Entmietungsstrategien“ 2017 bei seiner Listung der „100 peinlichsten Berliner“ ganz vorn auf Platz 2 setzte.

Nun bekommen es die Mieter des Hauses Husemannstraße 12 mit dem zweitpeinlichsten berliner des Jahres 20127 zu tun.

„Berlin gehört zu Europas attraktivsten Immobilienmärkten“ schrieb die Süddeutsche Zeitung im Juli vergangenen Jahres, „die Familie Bahe und ihre Unternehmensgruppe ALW, zu der auch BOW 1 gehört, haben das sehr früh für zu nutzen gewusst. Mit Hilfe millionenschwerer Kredite bayerischer Genossenschaftsbanken betreibt die Familie ein Imperium aus mehreren Gesellschaften. Einziger Geschäftszweck: Der Aufkauf von Häusern in Berlin und die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen.“
 

„… dass Sie als Mieter massiv unerwünscht sind“

TIP berichtete schon 2011 über die Geschäftspraktiken von Andreas Bahe: wie er mit Abmahnungen, Kündigungen und Räumungsklagen versuchte, die Wohnungen der von ihm gekauften Häuser leer zu bekommen, um sie – leere Wohnungen sind bedeutend teurer zu verkaufen – mit Höchstprofit wieder loszuschlagen.

Vor zwei Jahren sendete „Spiegel-TV“ eine Reportage, in der Bahe im Mittelpunkt steht (siehe unten).Unter anderem wird dort auch aus einem Brief zitiert, den ein Prenzlauer Berger Mieter erhielt: „Ich teile Ihnen mit, dass Sie als Mieter massiv unerwünscht sind, da wir Ihre Wohnung anderweitig nutzen wollen.“

Doch je rüder der Unternehmer vorging, desto größer wurde der Widerstand der Betroffenen.

In Kreuzberg organisierten sich Mieter gegen die Verdrängung durch Bahes Unternehmen – und das durchaus mit Erfolg.
Mittlerweile hat Andreas Bahe die ALW-Gruppe an die – Überraschung! – Deutsche Wohnen SE“ verkauft. Per Share-Deal übrigens: Bei dieser Art des Immobilienhandels werden keine Grundstücke verkauft, sondern Geschäftsanteile der Gesellschaft, die die Immobilien besitzt. Das erspart die Zahlung der Grunderwerbssteuer.

Was aber nicht heißt, dass Bahe sich aus dem Geschäftsleben zurückgezogen hätte. Im Mai dieses Jahres erwarb er bei einer Zwangsversteigerung mit seiner Bahe Gbr das Haus Husemannstraße 12. Der gezahlte Preis ist unbekannt – in der Ankündigung der Auktion wurde allerdings ein Verkehrswert 8.700.000 Euro angegeben.

Das Haus gehört zu jenen, die vom Ostberliner Magistrat Mitte der 1980er aufwendig saniert wurden. Der Zustand ist dementsprechend annehmbar, doch in der Versteigerungsankündigung ist auch zu lesen: „eine durchgreifende Modernisierung ist bislang noch nicht erfolgt“.

 

Antrag auf Aufteilung in Wohneigentum genehmigt – Bezirksstadtrat ahnungslos

Auch hier kommt das von ihm bevorzugte Geschäftsmodell zum Tragen: Haus kaufen, in Wohneigentum aufteilen, Miete erhöhen, Mieter entsorgen.

Wie Mieter der Husemannstraße 12 berichten, hat das Bezirksamt am 2. November dem Antrag der Bahe GbR auf Umwandlung in Wohnungseigentum stattgegeben. Bemerkenswert: Der zuständige Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn (Bündnis 90/ Die Grünen) wusste – am Mittwoch von der Prenzlberger Stimme am Rande der BVV-Sondertagung dazu befragt – noch nichts. Er wies lediglich darauf hin, dass im Falle der Genehmigung eines solchen Antrages der für sieben Jahre nur an Mieter verkaufen darf.

An anderer Stelle des Bezirksamtes hingegen wurde der von Bahe abgefeuerte Schuss schon gehört: Sozialstadträtin Rona Tietje (SPD) erhielt von der Anwaltskanzlei (!) Bahes einen Schreiben, in dem der Mietvertrag für die Begegnungsstätte in der Husemannstraße 12 gekündigt wurde. In ihrem Bericht an den BVV-Sozialausschuss teilte sie dazu mit:

Das Sozialamt hat am 04. November eine Kündigung des Mietvertrages für die Räumlichkeiten der Begegnungsstätte in der Husemannstraße 12 zum 30.06.2020 erhalten. Mit der Kündigung verbunden war ein Angebot zum Abschluss eines neuen Mietvertrages mit einer Mietsteigerung von über 140 % im Vergleich zu der vorherigen Miete. Dieses Angebot ist für das Bezirksamt nicht akzeptabel. Es werden nun Alternativen geprüft. Neben einem Gespräch mit dem Vermieter wird die Verlagerung der Angebote in andere Räumlichkeiten geprüft. Der Beirat der Begegnungsstätte wurde über die Kündigung informiert und wird in die weiteren Schritte einbezogen.

 

Mieter hoffen auf Unterstützung

Das Ladenlokal im Erdgeschoss ist Treff- und sozialer Mittelpunkt vieler älterer Menschen aus dem Kiez. Hier kommen sie zusammen, um in verschiedenen Zirkeln wie Malerei, Chorsingen, Theaterspielen zu arbeiten, einen Computerkurs zu absolvieren oder aber auch nur einfach zum geselligen Klönen bei einem Kaffee.

Sollten die Gespräche der Stadträtin erfolglos bleiben, dürften Mitte des Jahres in der dort die Lichter ausgehen. Bis Mitte der 90er Jahre war dort übrigens noch ein Museum namens „Berliner Arbeiterleben um 1900“ beheimatet…

Ungeklärt ist auch noch die Situation der im Haus befindlichen Kindertagesstätte.

Die Mieter – 24 Mietparteien, die hier teilweise seit mehr als 30 Jahren wohnen – wollen nicht abwarten, bis ihnen Modernisierungsankündigungen und anderes ins Haus flattert. Sie hoffen, dass sich noch ein anderer Eigentümer findet, der nicht auf schnellen Höchstprofit aus ist – und auf die Hilfe des Bezirksamtes.

 

Weiteres zu Andreas Bahe und dessen Unternehmungen findet sich hier

 

Spiegel TV über das Geschäftsgebaren von Andreas Bahe


 



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