Paule im Glück


 

„Det kam ja nun doch etwas überraschend.“ Am späten Dienstagabend steht Paul(e) Martin, Inhaber der Kneipe „Absinth“ in der Dunckerstraße, etwas erschöpft, aber doch recht zufrieden hinter der Theke seines Etablissement und zapft ein Bier nach dem anderen. „Es hieß ja eine Zeit lang, dass die Kneipen wohl erst so Mitte des Monats wieder öffnen dürfen, und auf einmal hieß es: Gleich nach Pfingsten.“ Das wurde dann ein bisschen eng, denn auch eine Kneipenwiedereröffnung braucht ja ein paar Vorbereitungen.

 

Alteingesessene Kiezkneipe

An diesem Abend ist der Gastraum so gut wie leer, die Barhocker am Tresen sind mit Flatterband abgesperrt, doch draußen vor den großen Scheiben stept der Bär. Die Bänke und Stühle sind belegt, wer keinen Sitzplatz mehr abbekommen hat, trinkt sein Bier im Stehen. Es hat was von einer Premierenfeier. Oder einem Treffen alter Freunde, die sich lange nicht gesehen haben. Fast jeder Neuankömmling wird von einem, der schon da ist, laut begrüßt – oft auch von mehreren.

Das „Absinth“ gehört zu den alteingesessenen Kneipen im Kiez, seit 1999 läuft hier der der Bierhahn. Schwere Holztische und -stühle, verblichene Farbe an den Wänden, Wimpel Bilder, Erinnerungsstücke… – das Interieur hat sich seit der Eröffnung nicht wesentlich verändert, alle Nichtraucherverordnungen der Welt sind hier spurlos vorbeigegangen – beziehungsweise: Die Spuren des Vorbeigangs haben sich im Raume deutlich eingebrannt. Feste Nahrung wird hier nicht geboten, das Angebot ist ausschließlich darauf ausgerichtet, einer möglicherweise drohenden Dehydrierung vorzubeugen.

Abstand halten in der Kneipe – nich immer leicht

Geöffnet wird normalerweise am späten Nachmittag (eher spät, als Nachmittag) und zugemacht wird der Laden entweder, wenn der letzte Gast im Aufbruch oder das Personal ganz schlicht und einfach mal feierabendreif ist – je nach dem.

Die Mehrzahl der Gäste erinnert irgendwie an das Prenzlauer Berg der 1990er Jahre – die Neu-Prenzlberger Bio-Schickeria lässt sich hier eher selten nieder.

Hier trifft sich der gemeine Kiezbewohner, klönt, redet über die kleinen und großen Probleme der Welt – und je später der Abend, desto näher ist man an der Lösung allen Ungemachs. Oft steht zwischen der Lösung der großen Weltformel nur noch ein einzuiges letztes Bier – und ausgerechnet dann will der Wirt ins Bett.

 

Rettung durch „Corona-Zuschuss“

„Manche denken ja, mir jehört hier det janze Haus“, sagt Paule. „Aber wenn det so wäre, würde ick die Kneipe hier nich mehr machen.“ Und so traf ihn die pandemiebedingte Schließung – ausgerechnet einen Tag vor dem 22. Jahrestag der „Absinth“-Eröffnung – so hart wie alle anderen Gastwirte auch. Denn die Miete für den Laden lief ja weiter und auch die beiden bei ihm angestellten Mitarbeiterinnen mussten von irgendwas leben.

Die Rettung nahte bald und nannte sich „Coronazuschuss“ beziehungsweise „Soforthilfe“.
„Dass auch der Bundeszuschuss so schnell kommt, hätte ich vorher nicht geglaubt. Damit konnte ich die Miete begleichen und auch die Frauen, die hier arbeiten weiterbezahlen. Das war schon eine gute Sache.“ Er selbst, erzählt Paule, hätte von seinen Ersparnissen gezehrt – aber das gehe schon in Ordnung.

Mittlerweile ist es kurz vor 23 Uhr – die gegenwärtige Coronasprerrstunde. Auf einen Wink der Servirerinnen, begeben sich die Gäste in den Schankraum. Austrinken geht noch, ein neues Bier hingegen wird nicht mehr gereicht. So langsam leert sich das Lokal.

Mit dem Umsatz beim Neustart, sagt Paule, sei er durchaus zufrieden. „Aber das war ja auch ein besonderer Tag. Sowas wie eine Neueröffnung, wo alle kommen.“
So sieht er denn auch die derzeit erlaubten Öffnungszeiten von 17 bis 23 Uhr skeptisch: Da ist kein großes Geschäft zu machen. Erfahrungsgemäß käme ein Großteil der Gäste des Abends erst so zwischen Acht und Zehn, wenn die Schotten dann Elf schon wieder dicht gemacht werden, bringt das nichts

 



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