Kino Colosseum: Umbau sollte vergangenes Jahr dem „Bauausschuss“ vorgestellt werden


 

Mittlerweile liegen der Prenzlberger Stimme (vermutlich) alle der im Bezirksamt in verschiedenen Bereichen abgelegten Unterlagen über den folgenschweren Bauvorbescheid für das Areal des Kinos Colosseum vor. Darunter befindet sich das Protokoll eines Treffens von Mitarbeiterinnen des der bezirklichen Denkmalschutzbehörde und des Landesdenkmalamtes mit dem Architektenbüro „Tchoban Voss Architekten“, in dem festgehalten wurde, dass die Pläne des Abrisses und Neubaus auf dem Gelände des Kinos bereits im vergangenen Jahr dem „Bauausschuss“ (gemeint ist der Ausschuss für Stadtentwicklung und Grünanlagen der Pankower Bezirksverordnetenversammlung) vorgestellt wird. Warum das nicht geschah, ist unklar.
Die Rekonstruktion des Vorganges „Kino Colosseum“ an Hand der vorhandenen Akten zeigt jedoch eines: Es war kein Routinevorgang, der mal eben durch die Verwaltung gerutscht ist.

 

Es war vermutlich der 20. März 2019 (mit letzter Sicherheit, als im Bereich „Bau- und planungsrechtliche Beratung“ der Abteilung Stadtentwicklung des Bezirksamtes Pankow eine E-Mail des Architektenbüros „Tchoban Voss Architekten“ eintraf. „Vermutlich“ deshalb, weil in den Akten die Originalmail fehlt und nur die Antwort (2) mit der angehängten Ursprungsnachricht (1)verfügbar ist.

Dort teilt das Architekturbüro dem Mitarbeiter der Beratungsstelle mit: „…wir haben noch Beratungsbedarf für das o.g. Grundstück,“ und schlägt vor, das Gespräch darüber mit einem Termin zu einem anderen Projekt zu verbinden.
 

 

Welches o.g (oben genanntes) Grundstück gemeint ist, ist auf dem Mailausdruck nicht ersichtlich. Der Bauberatungsmitarbeiter versicherte gegenüber der Prenzlberger Stimme jedoch, dass es sich um die Schönhauser Allee 123, also das Grundstück des Kinos Colosseum handelt.

In der Antwort vom 26. März 2019, die in der Betreffszeile den Vermerk „Colosseum, Schönhauser Allee 123“ trägt, wird als Termin für ein Gespräch der 28. März 2019 vorgeschlagen.

Am 2.April 2019 übersandten die Architekten die Unterlagen zu ihrem Projekt und bereits einen Tag später, am 3. April 2019 war das Colosseum Thema einer Dienstberatung.
 

 
An einer solchen Beratung dürfte zumindest der Gruppenleiter des Bau- und Planungsberatungsteams anwesend gewesen sein. Ob auch der Leiter der Bauaufsicht daran teilnahm, ist unbekannt – ein Protokoll zu dieser Beratung existiert offensichtlich nicht.

Das Ergebnis der Beratung teilte der zuständige Sachbearbeiter den Architekten noch am selben Tag mit: Man empfehle „auf Grund der zahlreichen Besonderheiten“ eine förmliche Bauvoranfrage zu stellen.
 

 
Spätestens von diesem Zeitpunkt an war das Vorhaben nicht nur dem Bereich der bezirklichen Bauplanungsberatung bekannt, sondern – wie aus dem Mailverteiler hervorgeht – mindestens auch der Leiterin der Pankower Denkmalschutzbehörde Kerstin Lindstädt.
 

Besichtigungstermin mit Landes- und Bezirksbehörde

Welchen Weg der Vorgang in den darauffolgenden zwei Monaten genommen hatte, ist nicht vollständig nachvollziehbar. Sicher ist aber, dass das Pankower Denkmalschutzamt aktiv wurde.

Denn das nächste zu findende Schriftstück – es stammt vom 9. Juni 2019 – ist das Protokoll einer Ortsbegehung am 7. Juni. Verfasst wurde es von „Tchoban Voss Architekten“.

Wie es zum Ortstermin kam und wer wen eingeladen hatte, ist aus den Akten nicht ersichtlich. Auch nicht, ob es sich nur um einen Außentermin gehandelt hatte, oder ob auch eine Begehung des Grundstücks stattfand. Sollte es eine Innenbegehung gegeben haben – was wahrscheinlich ist, denn wichtige Teile der Denkmalsubstanz sind von außen nicht einsehbar – wäre dies schwerlich ohne die Einwilligung der Grundstückseigentümer, der Erbengemeinschaft Brauner, möglich gewesen. Was insofern interessant ist, als dass Sammy Brauner, der Geschäftsführer der Kinobetreibergesellschaft, penibel darauf geachtet hatte, mit den Planungen zum Abriss und Neubau nicht in Verbindung gebracht zu werden.
Theoretisch wäre eine solche Abstinenz sogar möglich, denn einen Bauvorbescheid für ein Grundstück kann jeder beantragen, auch wenn ihm die Immobilie gar nicht gehört. Sollte jedoch eine vom Grundstückseigner genehmigte Besichtigung auf dem Colosseum-Gelände stattgefunden haben, wäre der Wahrheitsgehalt von Brauners Dementi zu hinterfragen.

In dem „Protokoll“ werden die bei der Ortsbegehung formulierten Planungsziele der Architekten und jene des Denkmalschutzes benannt.

 


 

Der für Juni avisierte Besprechungstermin zur Nachbereitung der Begehung verzögerte sich auf Grund personeller Schwierigkeiten im Landesdenkmalamt. Am 7. August 2019 gab es dann im Hause des Stadtentwicklungsamtes in der Storkower Straße das „Nachfolgetreffen“ der Denkmalverantwortlichen von Land und Bezirk mit den Architekten.

In einer E-Mail bedankten sich die Architekten für den „produktiven Termin der letzten Woche“ und übersandten
mit Datum des 8. August 2019 einen „Aktenvermerk“ in dem das Ergebnis der „Nachbesprechung“ des Ortstermins festgehalten wurde.
 

 
So kam man überein, die vorgesehene „Überkragung“ (eine Art „schwebender“ Überbau) des historischen Kinos mit dem Neubau zurückzunehmen und den Neubau um ein Geschoss zu reduzieren.
 

 

Und unter Punkt 5 wurde vereinbart: „Es soll ein Bauvorbescheidsverfahren (u.a. zur Klärung des Nutzungsmaßes) durchgeführt werden. In diesem Zusammenhang soll das Vorhaben im Bauausschuss vorgestellt werden.“
 

 

Es wurde also zwischen dem Architektenbüro und der Denkmalschutzbehörde des Stadtentwicklungsamtes von Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn (Bündnis 90/ Die Grünen) klargestellt, dass das „Projekt Colosseum“ – wenn auch in fortgeschrittenem Stadium – im BVV-Ausschuss für Stadtentwicklung vorgestellt wird. Warum dies nicht geschah und stattdessen dann sogar „vergessen“ wurde, den Antrag auf einen Bauvorbescheid in jene Bauliste einzutragen, die der BVV zur Information über aktuelle Bauvorhaben des Bezirks regelmäßig zur Kenntnis gebracht wird, ist eines der großen Mysterien im „Fall Colosseum“.

So ging der Antrag auf den Bauvorbescheid, dass das Architekturbüro bereits eine Woche zuvor im Auftrag und auf Rechnung des „Bauherrn“ VALUES Real Estate versandte, ohne dass die Bezirksverordneten davon Kenntnis erhielten auf den Bearbeitungsweg.
 

 

Die Denkmalschutzbehörde bestätigte die Unbedenklichkeit und der Fachbereich Bau- und Wohnungsaufsicht befand, dass die Büronutzung sich in das Gebiet um die Gleimstraße und die Schönhauer Allee einpasse. Mit Datum vom 25.11.2019 erging die Bauvoranfrage positiv beschieden.
 

 

Gut ein halbes Jahr war gefühlt die halbe Stadtentwicklungsabteilung – vom einfachen Sachbearbeiter über Gruppenleiter bis hin zu einer Behördenchefin – mit der Sache „Kino Colosseum“ befasst.

Nur einer hatte von alldem nichts mitbekommen. Der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung.

 

 

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Unterstützung willkommen

 

 

Was immer man auch tut – irgendwann bekommt man die Rechnung präsentiert. Und sei es die des Bezirksamtes. Für die mehrtägige Akteneinsicht in Sachen „Kino Colosseum“ zum Beispiel. Da gibt es festgelegte Gebührensätze, und die sind gar nicht mal so gering. Kann man nix machen.

Was zeigt: So ein Magazin wie die Prenzlberger Stimme kostet. Viel Zeit, viel Arbeit – und eben auch Geld.

Unterstützung ist deshalb willkommen.

Wer also die Recherchen zum Kino Colosseum im Speziellen und/oder die Berichterstattung der Prenzlberger Stimme im Allgemeinen unterstützen möchte, kann das tun, in dem er einen kleinen (oder größeren) Beitrag auf das folgende Konto überweist:

IBAN: DE64100500000514075040
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Verwendungszweck: Prenzlstimme

Vielen Dank!


 



4 Kommentare zu “Kino Colosseum: Umbau sollte vergangenes Jahr dem „Bauausschuss“ vorgestellt werden”

  1. der tod des bezirks schreitet eben weiter voran. irgendwann werden sich auch die anwohner gegen die kulturbrauerei durchsetzen.

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  2. Sören Benn DIE LINKE. Pankow Wie kann das sein? Aufklärung jetzt: Es wurde also zwischen dem Architektenbüro und der Denkmalschutzbehörde des Stadtentwicklungsamtes von Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn (Bündnis 90/ Die Grünen) klargestellt, dass das „Projekt Colosseum“ – wenn auch in fortgeschrittenem Stadium – im BVV-Ausschuss für Stadtentwicklung vorgestellt wird.

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  3. Eins ist deutlich, der Fisch stinkt vom Kopfe her.

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  4. Seb.

    Sep 13. 2020

    Vielen Dank für die anschauliche Rekonstruktion der behördlichen Vorgänge.
    Als erstes vorweg.. ich halte Kino für extrem wichtig und für einen erforderlichen Bestandteil für die städtische Kultur und Unterhaltung der Bevölkerung.

    Was ich in dieser ganzen Diskussion und der „suche nach Schuldigen“ beim Thema Colosseum jedoch nicht verstehe ist, dass häufig ausgeklammert wird, dass es sich bei besagtem Gebäude um Privateigentum handelt. Dann schwingt teilweise, in der allgemeinen Diskussion und Berichterstattung die Vermutung mit, dass es noch immer (und auch in der Zukunft) einen Kinobetrieb im Colosseum geben würde, wenn auf politischer (und/oder Verwaltungs-) Ebene früher oder anders reagiert worden wäre.

    „Pankows Politik streitet über Colosseum-Schuldfrage“ Tagesspiegel
    „Pankows Bezirksverordnete streiten sich darüber, wer die Schuld am Verlust des Colosseums hat.“ Prenzlauerberg Nachrichten

    Wenn ein Inhaber und Betreiber eines nicht mehr rentablen Multiplex Kinos (UCI Gruppe), mit klarer Mainstream Ausrichtung u.a. aufgrund des sich wandelnden Nutzungsverhaltens (Stichwort Streaming), aufgrund der räumlichen Konkurrenz zum CineStar in der Kulturbrauerei keine wirtschaftliche Zukunft für sein Geschäftsmodell sieht, dann kann doch auch die Politik nichts machen. Die Schuld bzw. Verantwortung liegt dann doch beim Inhaber.

    Zur schwindenden Beliebtheit des Kinos hat sicherlich auch ein Investitionsstau des Eigentümers/Betreibers beigetragen, denn das Kino war definitiv nicht mehr Up to Date genug um mit der (ebenfalls um den eigenen Fortbestand kämpfenden) Konkurrenz mithalten zu können.
    Nicht ohne Grund haben andere UCI Kinos, in den letzten Jahren, mit dem Zusatz LUXE ihr Erscheinungsbild aufgemöbelt (Gropiuspassagen, Potsdam Hbhf und auch in Friedrichshain, wo der alte Standort, zugunsten des neuen Kinos auf dem Mercedes-Benz Platzes komplett aufgegeben wurde).
    Den Umbau der ASTOR Filmlounge, des ZOO Palastes oder unlängst der Blaue Stern in Pankow, und auch der Erfolg des DELPHI Lux am Bahnhof ZOO zweigen, dass neue /andere Wege gegangen werden müssen.

    Wenn also ein Kinobetreib nicht mehr funktioniert und der Betreiber diesen für sich ausschließt und auch nicht weitere in den Kinobetrieb oder eine Modernisierung investieren will, wenn er keine genossenschaftliche Lösung für ein Business unterstützen möchte, an dass er selbst nicht mehr glaubt, wenn eine Übernahme einer konkurrierenden Multiplex Kinogruppe, aufgrund der aktuellen Marktstruktur, ebenfalls unrealistisch ist… was wäre denn die Lösung/Zukunft für das Gebäude (speziell der Neubau aus den 90ern, der nicht unter Denkmalschutz steht)?
    Was wäre denn die Konsequenz, wenn die Politik eine Umnutzung verhindert?
    Leerstand?

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