Thälmanndenkmal: Schlagpoetische Evozierung

 

Die Empfehlung der Jury zur Realisierung der Kommentierung des Thälmann-Denkmals an der Greifswalder Straße erhielt die Bewerbung der Berliner Künstlerin Betina Kuntzsch, die großbuchstabig mit „VOM SOCKEL DENKEN“ betitelt ist. Also die Bewerbung, nicht die Künstlerin.
So ähnlich, wie der Titel klingt, ist auch dann auch die Begründung der Juroren. Nur eben noch viel schlimmer.

 
Der Entwurf sieht vor, auf dem Denkmalplatz fünf farbige Betonelemente zu platzieren, die die Form des thälmannschen Denkmalssockels haben – allerdings in Klein. Sie sollen die „strenge Struktur des Platzes auflockern, und Besucher zum Verweilen einladen.“

Steinblöcke zum hinsetzen – eine wirklich innovative Idee.

Und es wird noch innovativer: Die Quader sollen nicht nur klein und bunt, sondern auch beschriftet sein – und zwar mit „poetischen Schlagwörtern“. Denn mit Schlagwortpoesie werden „inhaltliche Bezüge zum Denkmal und seinen historischen Hintergründen hergestellt und ein Interesse geweckt, sich mit dem Ort intensiver auseinanderzusetzen.“

Hat man sich dann auf die Steinblöcke hin- und mit der Schlagwortpoesie auseinandergesetzt, geht ein Vorhang auf und ein Film beginnt. Oder viele Filme.

Denn neben den bunten, schlagpoetisch benamsten Sitzquadern sollen „sowohl künstlerisch als auch inhaltlich überzeugende Filmessays, welche die Thematik aus verschiedenen Perspektiven beleuchten, die verschiedenen historischen Betrachtungsweisen würdigen und zugleich einen Gegenwartsbezug herstellen.“

Künstlerisch u n d inhaltlich überzeugend ist immer gut. Vor allem dann, wenn beleuchtet und gewürdigt wird. Und zwar nicht mit dem Bett- sondern dem Gegenwartsbezug. Früher hatte man für die Beleuchtung Lampen – aber das ist ja keine Kunst.
 

Das ausgewählte Projekt, lässt uns die Jury weiter wissen, „zeichnet sich durch überzeugende Beispiele einer filmischen Annäherung an die Themen, die das Denkmal evozieren, aus.“ Wer wollte nicht schon mal dabei sein, wenn ein Denkmal evoziert? Vor allem bei einer filmischen Annäherung mit überzeugenden Beispielen?

„Die Bandbreite der Filmbeiträge ist sehr groß“ – was irgendwie beruhigt. Denn eine kleine Filmbreite der Bandbeiträge wäre schlimmer: Nie hätte darauf die „Geschichte des Areals, über den umstrittenen Abriss der Gasometer und alternative Nutzungsformen bis zur Denkmalsetzung 1986, von der historischen Person Ernst Thälmann bis zur Kulturfigur in der DDR“ Platz gehabt. Vom „individuell-assoziativen und alltagsgeschichtlichen Zugang zu den Themen“ ganz zu schweigen.

So aber konnte die Auswahlkommission feststellen:

„Die beinhalteten Themen erwarteten den Gegenstand des Denkmals vor dem Hintergrund der historisch-künstlerischen Durchdringung wesentlicher Elemente des Wohngebiets in der zeitgeschichtlichen Auseinandersetzung mit dem historischen Park.“

Äh… nein – pardon!

„Die durchdringenden Elemente der zeitgeschichtlich-künstlerischen Auseinandersetzung mit dem erwarteten historischen Denkmal vor dem Hintergrund des Parks…“
Nee, auch nicht.

„Die thematische Durchdringung der wesentlichen künstlerisch-filmischen Auseinandersetzung mit dem erwarteten zeitgeschichtlich elementaren Gegenstand…“ – Quatsch!

„Der elementare Gegenstand des inhaltlichen Themas erwartet das Denkmal in künstlerisch-zeitgeschichtlicher Durchdringung der Historie mit filmischen…“
Herrgottnochmal, nein!!!

„Die künstlerisch-filmische Durchdringung der Themen beinhaltet wesentliche Elemente der erwarteten Auseinandersetzung mit dem historischen Gegenstand, dem Park, dem Wohngebiet, dem Denkmal und den zeitgeschichtlichen Hintergründen.“

Oder so ähnlich.

Was letztlich aber auch egal ist. Hauptsache, das Denkmal evoziert. Und nicht irgendwie, sondern individuell-assoziativ.

 



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