Viel Grün, ein geschlagener Matador, ein gallisches Dorf, ein Millimeter-Finish und ein Arbeitssieg

 

Eines der spannendste Rennen um ein Direktmandat im Berliner Abgeordnetenhaus fand im Pankower Wahlkreis 3 statt. Bisher war das die unangefochtene Domäne der SPD. Torsten Schneider, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus und engster Vertrauter von Partei-Co-Chef Raed Saleh holte den Wahlkreis im Abonnement: Dreimal in Folge – 2006, 2011 und 2016 – gewann der Sozialdemokrat das Direktmandat, ohne die Konkurrenz wirklich fürchten zu müssen. Doch diesmal spielte Schneider gar keine Rolle mehr. Der Wettlauf um Platz Eins fand zwischen Klaus Lederer von den Linken und Oda Hassepaß von den Grünen.

Konkurrenten mit Millimeterfinish: Klaus Lederer, Oda Hassepass

Bei der Auszählung lagen der profilierte Politiker und Wahlkämpfer (er kandierte bereits 2006 und 2011 im Pankower Wahlkreis 3) und die Newcomerin mit gleicher Stimmenanzahl vorn – am Ende siegte die grüne Kandidatin mit dreißig Stimmen Mehrheit.

Dass der Grund für diese knappe Niederlage nicht an der Person Des amtierenden Kultursenators zu suchen ist, kann man an der Zweitstimmen erkennen: Mit 23,7 Prozent holte Lederer 4,4 Prozent mehr an Stimmen, als die Linke im Wahlkreis Zweitstimmen erhielt. Die Stimmenzahl der Grünen-Kandidatin (23,8 Prozent) hielten sich dagegen mit denen für die Partei abgegebenen (23,6 Prozent) fast die Waage. Für Lederer, der das Ergebnis durch eine Nachzählung überprüfen lassen will, mag das Ergebnis zwar tragisch, aber nicht folgenschwer sein: Er ist bereits durch seinen sicheren Listenplatz wieder im Abgeordnetenhaus.
Anders sieht das für den einstigen Platzhirsch Torsten Schneider aus: Bei ihm zog die Liste nicht, er bleibt draußen. Wer weiß, vielleicht sieht man ihn ja demnächst als Staatssekretär oder gar Senator wieder.
 

Grüner Überflug der Debütantinnen

Ein anderer Lokalmatador schwebte auf Wolke Sieben. Andreas Otto, für die Bündnisgrünen seit 2006 als direkt gewählter Abgeordneter im Berliner Landesparlament, holte den Wahlkreis 6 in Prenzlauer Berg das vierte Mal in Folge: mit sagenhaften 41,3 Prozent. Die Mitbewerber lagen hoffnungslos zurück, die Zweitplazierte Katja Rom von der Linkspartei musste sich mit 20,8 Prozent zufrieden geben.

Julia Schneider: Von Null auf 30,7

Garantiert nicht mehr in der Politik zu finden sein wird die bisherige Prenzlauer Berger Abgeordnete des Wahlkreises 7 Clara West von der SPD, die das Mandat 2011 und 2016 sicher gewann. Denn sie hatte bereits vor der Wahl ihren Ausstieg aus der Politik angekündigt.

Ihre Kandidatennachfolgerin Anette Unger, seit 2016 Bezirksverordnete und und finanzpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung von Pankow erlebte bei der Wahl ein mittleres Desaster: Mit mageren 18,2 Prozent reichte es im einstigen SPD-Wahlkreis nur für Platz Drei. Siegerin wurde die güpne Kandidatur-Debütantin Julia Schneider, die mit einem Schlag 30,7 Prozent der Wählerstimmen einkassierte. Ihr folgte – mit großem Abstand – Sandra Brunner von den Linken.

 

Die Ausnahmen von der Regel

Ganz Prenzlauer Berg also ein Land der Ökos?

Nein!

Die Bewohner eines kleinen gallischen Dorfes, Wahlkreis 9 geheißen, widersetzen sich der Übermacht der Grünen und wählten störrisch weiterhin SPD.

Tino Schopf

Okay, nicht alle, aber immerhin 27,4 Prozent der zur Abstimmung gegangenen Wahlkreisbewohner. Soviel stimmten nämlich für den bisherigen Inhaber des Mandates Tino Schopf.
Der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus erhielt damit – gegen den Trend – sogar noch noch mehr Zustimmung, als vor fünf Jahren. Damals wollten ihn 24,6 Prozent der Wähler im Landesparlament sehen.
Weiteres Novum: Die Zweitstimmen für die SPD betrugen nur 18,9 Prozent. Offenbar sagten viele „SPD… och nö… – aber den Tino wähl ich trotzdem!“

Im Wahlkreis 1, ganz oben im Norden Pankows, war vor fünf Jahren eine skurrile Situation entstanden: Während sich die Kandidaten der anderen Parteien, wie im Wahlkampf üblich, geradezu darum rissen, gesehen und erkannt zu werden, blieb der Bewerber der AfD bis zum Wahltag ein Mann ohne Gesicht. Trotzdem (oder deshalb?) gewann er das Direktmandat vor Rainer Michael Lehmann von der SPD und dem Christdemokraten Johannes Kraft.

Johannes Kraft

Lehmann sagte hernach der Politik adé, Kraft hingegen machte in der Bezirksverordnetenversammlung weiter Kommunalpolitik.
Der Pankower CDU-Fraktionsvorsitzende, der schon zuvor den Fokus seines Wirkens auf den Pankower Nordteil gerichtet hatte, intensivierte seine Arbeit vor Ort noch einmal.
Ob Verkehrsprobleme in Blankenburg, Bebauungsvorhaben in Karow oder der Schulstandort in Französisch Buchholz – Johannes Kraft war stets präsent, beriet, brachte Anträge von Anwohnern in die BVV ein und wurde tatsächlich so etwas wie die „Stimme des Nordens“ in der Pankower Bezirkspolitik. Das zahlte sich nun aus: Während es für seine Partei bei den Zweitstimmen mit 19,7 Prozent nur für den zweiten Rang hinter der SPD (21,8 Prozent) reichte, gewann Kraft den Wahlkreis souverän mit 25,4 Prozent der abgegebenen Stimmen. Der SPD-Kandidat blieb mit glatten 21 Prozent nur zweiter Sieger.

 

 

Und hier die Gewinner aller neun Pankower Wahlkreise:

 

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