Rabatt im Zeichen der roten Tasche

Das Gehalt von Bundeskanzlerin Angela Merkel dürfte nicht geringer sein, als das ihres Amtsvorgängers Gerhard Schröder. Auch die Tarifverträge in diesem Land gelten für Frauen und Männer gleichermaßen. Dennoch scheint es Bereiche in der Arbeitswelt zu geben, in denen der eigentlich selbstverständliche Grundsatz „Gleiches Geld für gleiche Arbeit“ offenbar noch nicht Realität ist. Oder doch? Frauen hätten im Durchschnitt ein um 23 Prozent geringeres Einkommen, behaupten die die Organisatorinnen des „Equal Pay Day“. Das läge aber nicht an uneinheitlicher Bezahlung, sondern an „Rollen-
stereotype“
: Der Mann als der Hauptverdiener – die Frau als Teilzeit-Hinzuverdienerin. Wie dem auch sei, der „Equal Pay Day“, der „Gleichbezahltag“ soll auf die Unter-
schiede aufmerksam machen. Und dafür hat man sich eine hübsche Aktion ausgedacht. Am 25. März, dem als „Equal Pay Day“ deklarierten Tag, soll Frauen in Geschäften ein Rabatt von eben jenen 23 Prozent eingeräumt werden, die sie nach Angaben der Organisatorinnen im Durchschnitt weniger verdienen. Allerdings sollten die Frauen nicht nur als solche kenntlich sein, sondern ihre Rabattwürdigkeit durch das Tragen einer roten Tasche dokumentieren, um „auf die roten Zahlen in ihren Geldbörsen aufmerksam“ zu machen. Im Bezirk Pankow haben bisher dreizehn Geschäfte ihre Beteiligung an der Aktion zugesagt – fünf davon in Prenzlauer Berg.

Margit Seyedi ist bereits das zweite Mal bei der Aktion dabei: „Im vergangenen Jahr war ich wohl die einzige, die in Prenzlauer Berg mitgemacht hat.“
In Ihrem Geschäft DESIGN-MODE-KUNST in der Prenzlauer Allee 5 bietet sie selbst entworfene Strick-
mode an. Alles aus eigener Produktion und direkt im Geschäft gestaltet. Die 23 Prozent Rabatt werden auf die gesamte Kollektion gewährt. „So eine Aktion“, erklärt Margit Seyedi, „hat ja auch immer einen gewissen Wer-
beeffekt.“ Das Mitbringen einer roten Tasche sei bei ihr jedoch nicht erforderlich.

Auch Anja Bogner kann Frauen von Männern selbst dann unterscheiden, wenn erstere keine roten Handtaschen tragen. Das verwundert nicht, stattet sie doch zusammen mit ihrer Partnerin Kerstin Klim in der Boutique „Miau Miau & Le Chat Noir“ ausschließlich Frauen aus: Mit Dessous, aber auch mit exklusiver Kleidung, die darüber zu tragen ist. „Ich bin keine Feministin“, betont Anja Bogner. Aber es sei notwendig, auf den Missstand hinzuweisen. Und so wird es auch in der Kollwitzstraße den Rabatt auf das gesamte Angebot geben. Und zwar ganz gleich, ob die Kundschaft weiblich oder männlich ist. Denn: Getragen werden Dessous und Damenroben ja eh nur von Frauen. Meistens jedenfalls… .
Es gibt Läden, die kann man riechen. Das TEEater in der Raumerstraße ist so einer. Tee aller erdenklicher Sorten und Geschmacksrichtungen duftet einem beim Betreten des Geschäfts entgegen. „Wenn man sonst nie dazu kommt, auf Demonstrationen zu gehen, ist das eine gute Möglichkeit, seinen Protest zu zeigen“, begründet Inhaberin Sabine Landsberger ihre Teilnahme am “Equal Pay Day”. „Wenn es solche Ungerechtigkeiten gibt, dann muss man etwas dagegen tun.“ Sabine Landsberger gibt für eine Auswahl an Kräutertees den 23-Prozent-Rabatt. Auf das Mitbringen einer roten Tasche kann aber auch bei ihr verzichtet werden.
Beim Improvisieren ist Spontaneität gefragt. Und so hat auch Karin Mietke vom Improvisationstheater Bühnen-
rausch
nicht lange überlegt: Bei der Vorstellung am 25. März werden die Eintrittskarten für Frauen um 23 Prozent preiswerter sein. Nach Gründen muss sie nicht lange suchen: „Schließlich bin ich Mitglied bei ‚Unternehmerin-
nen Plus‘
„. Das ist eine Pankower Vereinigung von selbständig tätigen Frauen, die sich für die Belange von Unternehmerinnen mit Klein- und Kleinstunternehmen einsetzt.
Und wie ist das mit den roten Handtaschen? „Den Rabatt gibt’s auch ohne Tasche.“

Das „Leibhaftig“ ist eine Brauereigastätte. Seit dem Sommer 2010 bieten Marcus und Ilona Wanke in der Metzer Straße süddeutsche Spezialitäten an – zum Beispiel bayrische Tapas. Am 25. März können Frauen die Speisekarte hoch und runter bestellen und erhalten auch hier 23 Prozent Preisnachlass. Ob zumindest im „Leibhaftig“ das rote Trageutensil Pflicht ist, konnte nicht erfragt werden: Die Wankes befinden sich derzeit im Urlaub. Vermutlich sammeln sie ihre Kräfte, um dem erwartete Ansturm hungriger und durstiger Frauen gewachsen zu sein.

Der 25. März könnte bei Prenzlauer Berger Frauen also so aussehen: Zuerst Dessous in der Kollwitzstraße kaufen, dann schick gestrickte Oberbekleidung in der Prenzlauer Allee. Dieserart neu eingekleidet, geht es in das Improvisationstheater in der Erich-Weinert-Straße. Danach lässt man den Abend bei bayrischem Schmaus und hausgebrautem Bier ausklingen. Und sollte wegen der Völlerei der Magen leicht verstimmt sein, wird er zu Hause mit einem Kräutertee aus der Raumerstraße besänftigt.



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