Eingezwängt zwischen den massigen Gründerzeit-Häusern, wirkt der kleine Flachbau in der Malmöer Straße 4 – 5 wie Fremdkörper. Was aussieht, wie eine notdürftig in der Nachkriegszeit in eine Bombenlücke gestellte Baracke, ist tatsächlich viel älter.
Der seit 1909 in der Paul-Gerhardt-Gemeinde in der Wisbyer Straße tätige Pfarrer Wilhelm Krause gründete 1912 den „Gebets- und Arbeitsbund Paul Gerhardt“, in dem er Seelsorge und soziale Fürsorge miteinanander verbinden wollte. Der Zulauf war groß, man benötigte neue Räumlichkeiten. Im Herbst 1924 entdeckte Wilhelm Krause bei einem Ausflug in Wünsdorf eine alte Militär-
baracke aus dem Ersten Weltkrieg, die für seine Zwecke geeignet schien. Doch um die Baracke dort ab- und in Berlin wieder aufzubauen, fehlte es der Gemeinde an Geld. Pfarrer Krause initiierte einen „Freundeskreis“, der schließlich über Spenden die notwendigen Mittel zusam-
menbrachte. Am 11. Januar 1925 konnte die Sozialsta-
tion in Malmöer Straße, „Gnadenhütte“ genannt, einge-
weiht werden. Das dort Angebotene war umfangreich und zum Teil außergewöhnlich. Neben Wärmestube, Kleider-
kammer und Suppenküche gab es eines Stellenvermitt-
lung, wurden „Kinderverschickungen“ organisiert und „Trinkerrettungsarbeit“ geleistet. Eine Bibliothek war ebenso vorhanden, wie eine Kinderlesehalle. Sogar
zeitgeschichtliche Vorträge wurden gehalten; auch mit Themen, die im kirchlichen Umfeld teilweise ungewöhn-
lich erscheinen: Neben „Der Kampf um die Bibel“ auch „Karl Marx und was wir von ihm wissen müssen“ oder „Frau im Sozialismus“. Nach Wilhelm Krauses Tod im Jahr 1951 ging die „Gnadenhütte“ in den Besitz der Berliner Stadtmission über. Sie führte die Arbeit im Sinne Krauses weiter. Seit 1995 betreibt die Stadt-
mission hier eine Art Sozialladen: Aus Spenden stammende Möbel und Bekleidung werden für wenig Geld an den Kunden gebracht. Der Erlös fließt in soziale Projekte der Mission. Offenbar ist das, was dabei zusammenkommt, nicht genug: Das Grundstück in
bester Prenzlauer Berger Lage soll verkauft werden.
„Der Kaufvertrag ist so gut wie perfekt“, erklärte Andrea Kuper, Abteilungsleiterin Kommunikation und Fundraising der Berliner Stadtmission, gegenüber der Prenzlberger Stimme. Bei Anwohnern der Malmöer Straße ruft das Protest hervor. Sie wollen, dass der kleine Flachbau in der erhalten bleibt. Deshalb haben Maria Moch, Antoine Pauli, Karsten Sawade und Gary Odd zusammen mit anderen die „Anwohnerinitiative Malmöer Straße“ ins Leben gerufen. Am vergangenen Dienstag haben sie zum ersten Mal eine Mahnwache vor dem Grundstück abgehalten, heute Nachmittag soll eine weitere folgen. Nächste Woche ebenfalls, übernächste –
immer dienstags und freitags ab 17 Uhr. Antoine Pauli erklärt warum: „Hier in Prenzlauer Berg wird mittlerweile jeder Quadratmeter zugebaut. Nun droht uns hier ein weiterer Betonklotz und das letzte bisschen Grün in der Straße verschwindet auch noch.“ Und er versteht das Handeln des Grundstückseigentümers nicht: „Das ist doch die evangelische Kirche, und nicht irgendeine Immobilienfirma.“ Die Mahnwachen sollen dazu dienen, die Öffentlichkeit auf den geplanten Verkauf aufmerksam zu machen und die Berliner Stadtmission dazu zu bewegen, mit den Anwohnern ins Gespräch zu kommen: „Es muss andere Lösungen geben, als den Verkauf.“
Bei Berliner Stadtmission sieht man die Sache aus dem wirtschaftlichen Blickwinkel: „Wir benötigen das Geld aus dem Verkauf für die Finanzierung unserer sozialen Projekte“, sagt Andrea Kuper. Also das Tafelsilber
verscherbeln, um Obdachlosenprojekte zu betreiben? Was, wenn auch das Geld vom Grundstücksverkauf aufgebraucht ist? Andrea Kuper: „Wir hoffen natürlich, dass sich die Projekte dann irgendwann tragen. Aber natürlich sind wir auch weiterhin auf Spenden angewie-
sen. Vor allem auf Spenden.“
Was sie nicht sagt: Die Berliner Stadtmission ist längst auch umfangreiches Wirtschaftsunternehmen geworden: Hotels auf Rügen und Usdom, im Land Brandenburg oder Berlin gehören ebenso dazu, wie Läden und Geschäfte in teilweise guter Lage. Und so scheint es nicht ausgeschlossen, dass es weniger die pure Not, sondern die gute Gelegenheit war, wegen der nicht nur eine kleine grüne Oase in der Malmöer Straße dem Beton weichen, sondern auch ein stadt- und kirchen-
historisch wertvolles Zeugnis unwiderbringlich getilgt werden soll.
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Bin Berlin
März 18. 2011
in Prenzlauer Berg hat der Wahnsinn Methode: jede Ecke wird mit Beton zugekleistert.Ob Belforter, Liselotte-Herrmann-Straße, Marie 32a und eben Marthashof, die antisoziale Plastik, wie AIM das zitiert.und und und. ok in Gothes own country Mitte wird auch nicht gekleckert:zB „Liniengarten“ in der Linienstraße 20/21 und klar, der Mauerpark.Die Betonschleuder rollt unerbittlich. Bürgerbeteilgung?so etwa Marke Bürgerwerkstatt Mauerpark: „wollen Sie dass das Auto, das sie gar nicht haben wollen, rot oder blaue Farbe ziert?“ soweit wir gehört haben sollen die Anwohner durch Tepco in der Bürgerwerkstatt Fukushima auch befragt worden sein, welche Farbe die Batik auf der Außenhaut der AKWs haben soll…
was Gothe von dieser Bürgerwerkstatt immer noch abgenickt haben will. kann man übrigens ab morgen bestaunen : ab19. März, 12 -16 Uhr in der Brunnenstraße 55. Mo–Fr 15–19 Uhr.
Und dann ausgerechnet die Kirche ist es, die verkaufen will! die sollten mal daran denken dass Habgier zu den TODsünden gehört!
vielleicht wollen die betroffenen Leute sich einfach diesen BIN-Berlin Termin am 25.März vormerken:
http://blog.klausenerplatz-kiez.de/archive/2011/03/17/stadtgesprache__bin_berlin_und
da geht es um „Neue Formen u. Wege der Bürgerbeteiligung“,moderiert von jemand der den Lesern der Prenzlberger Stimme bekannt sein könnte…
Ansonsten immer wieder lesenswert, dieser Versuch über „Ver-Dichtung und Wahrheit“:
http://marthashofblog.blogspot.com/2011/02/ver-dichtung-und-wahrheit-mauerpark.html
Nils
März 19. 2011
Das die Dagegen-Partei mit von der Partie ist, war ja nicht anders zu erwarten…
Eine der mittlerweile typischen Ego-Initiativen, deren ganzer Anspruch die Zementierung des privaten Idylls, des Status Quo ist. Mit Allgemeinwohl hat das nichts, gar nichts, zu tun.
Verdichtung ist ökologisch und sozial nachhaltig, da zum einen Zersiedelung und unnötiger Flächenverbrauch am Stadtrand verhindert wird und zum anderen eine größere Zahl von Menschen die Chance erhält, zentrumsnah zu wohnen.
Und das die Berliner Innenstadt bereits jetzt ausgesprochen dicht besiedelt wäre, wie in Ihren keineswegs objektiven Quellen behauptet wird, ist blanker Unfug, welcher einem Vergleich mit anderen europäischen Metropolen nicht standhält.
Bin Berlin
März 19. 2011
tja „Nils“ – die Leute für die Du stehst müssen immer rechnen, dass das BürgerInitiatven-Netzwerk Menschengemeinschaften die von gentrification und Nach/Verdichtung betroffen sind unterstützt.
Eine Partei wie die Grünen, die weiterhin zum Teil dem Nachverdichtungsdogma huldigt wollen wir durchaus nicht werden – der oft kritisierte KolleBelle-Belforter Investor Rainer Bahr ist durchaus nicht zufällig bei dieser Partei tätig gewesen.
Keine Angst – eine Partei wollen wir nicht werden: wir nehmen uns aber heraus,solche SEHR genau zu beobachten und der Öffentlichkeit über die Ergebnisse Bericht zu erstatten.
Ansonsten mag sich jeder ein Bild machen wie schlecht Dogmen, Meinungen und unbewiesene Thesen des Vorredners gegen die saubere argumentative Gedankenführung des oben verlinkten Textes “Ver-Dichtung und Wahrheit” von CARambolagen im marthashofblog ankommen.
Sebastian
März 19. 2011
Das Fazit dieses Artikels, ist doch wohl ein Witz.. Will der Autor tatsächlich darauf hinaus, dass dieses Grundstück verscherbelt werden soll um die wirtschaftlichen Expansionen der Stadtmission zu bezahlen? So einen Unfug hab ich selten gehört. Vielleicht hätte man sich vorher mal mit den Geschäftszahlen der Stadtmission beschäftigen sollen. Die Hotels, Gästehäuser etc. finanzieren sich selbst sehr gut. Woran es wirklich hapert ist die finanzielle Unterstützung für soziale Projekte. Mehr als 50 % des Etats gehen in Mission und Diakonie und da kommt das Geld ausschließlich aus Spenden und die nehmen seit Jahren ab. Als Betroffener/Interessierter sollte man seine Energie lieber darauf verwenden, Geld an die Stadtmission zu spenden, anstatt hier schlechte Meinungsmache gegen einen gemeinnützigen Verein zu machen, der einen großen Teil der sozialen Projekte in Berlin leitet bzw unterstützt.
Peinlich, peinlich…
Nils
März 19. 2011
@ ‚BinBerlin‘
Der typische Jargon in Ihrem Post macht schon klar, wer hier der Dogmatiker ist. Im übrigen sind Ihre sogenannten ‚BürgerInitiatven-Netzwerk Menschengemeinschaften‘ (ein euphemistischer Bandwurm 🙂 nur alter Wein in neuen Schläuchen, letztlich ist die Klage die übliche – wenig konstruktive – Litantei und Fundamentalkritik.
Auf Belege habe ich verzichtet, das selbst oberflächlichste Recherche das ‚VerDichtung und Wahrheit‘-Traktat Lügen straft.
Paris hat beinahe die doppelte Bevölkerungsdichte von Prenzlauer Berg, selbst in Kreuzberg kommen noch 1.000 Menschen mehr auf den Quadratkilometer. Die Behauptung, dass die dortigen Lebensverhältnisse der Massentierhaltung gleichen würden, wäre reine Polemik. Das sind europäische Dimensionen, asiatischen Verhältnissen möchte ich auch nicht das Wort reden.
Zum Thema Flächenverbrauch können Sie sich auch ganz schnell informieren, es sind in Deutschland täglich um die 100 Hektar (!). Da habe ich lieber urbane Dichte, kurze Wege, eine Stadt für alle – nicht nur für die, die zufällig schon da sind und dann Blockwart spielen – und viel freie Natur ringsherum.
Lars
März 20. 2011
Jedes zusätzliche Haus in der Stadt schützt unsere Wälder. Lässt Platz für freie Natur. Und Golfplätze auf denen man zwischen dem sechzehnten und siebzehnten Loch Milchmädchenrechnungen aufstellen kann. Und wer durch die Straßen der mittigen Bezirke geht und anhand der massiven Bebauung und sozialen Verdrängung in die Hände klatscht und ruft „Endlich! Eine Stadt für alle!“ sollte sich zunächst mit seiner Beobachtungsgabe beschäftigen, bevor er darüber nachdenkt, anderen schlechte Recherche vorzuwerfen.
Sabine
März 22. 2011
Liebe Anwohner, seid doch mal ehrlich: geht es Euch wirklich um eine olle, gammelige Baracke, deren große Grünfläche ihr gar nicht nutzt, oder geht es Euch doch eher um Euren freien Blick, das Gefühl, nah an den Bäumen zu wohnen, um eventuelle Verschattung Eurer Wohnungen o.ä.? Ist ja legitim, aber dann versteckt es nicht hinter pseudo-sozialen Motiven. Ich finde es grundsätzlich gut, wenn Baulücken in der Stadt geschlossen werden und Familien stadtnah wohnen bleiben. Besser, als wenn sich jede Mittelschichtsfamilie ihr Einfamilienhaus in den Speckgürtel baut und dann mit dem SUV täglich in die Stadt düst. Der Stadtmission sollte man doch im Übrigen selbst überlassen, wie sie ihre sozialen Projekte verwirklichen will.
odd
März 23. 2011
Menschen, die finanziell nicht mehr mithalten können, wurden aus den Zentren der Städte vertrieben seit es Städte gibt.
In diesem Falle geht es aber hauptsächlich um Folgendes: Seit Dezember 2010 wurden sämtliche Anfragen von Anwohnern und Interessenten betreffend Verkauf bzw. Neubau auf dem „historischen“ Gelände der „Gnadenhütte“ von der Stadtmission abgeblockt und jegliche Auskünfte verweigert. Die Anfragen beinhalteten auch mögliche Lösungsvorschläge, sowie eine Kaufoption seitens der Nachbarschaft.
Wo liegt das Problem? Warum ist die Stadtmission nicht in der Lage ihre Vorhaben gegenüber Anwohnern klar und offen zu kommunizieren, die Mensche zu informieren und klare Antworten auf Ihre Fragen zu geben?
Erst aus dieser Kommunikationsverweigerung heraus entstand die „Mahnwache“ und erst durch die Medienpräsenz sah sich die Stadtmission in die Enge getrieben und kam nicht mehr drum herum öffentlich Stellung zu beziehen.
Diese Heimlichtuereien und die nicht im geringsten Sinne vorhandene Transparenz und Offenheit ist, was stört!
Und vergessen wir nicht, es handelt sich immerhin um die Stadtmission, bei der man ein anderes Vorgehen hätte erwarten können!
Nils
März 23. 2011
Mangelnde Transparenz ist nicht in Ordnung, da haben Sie recht. Sollte dieser Vorwurf zutreffen, muss die Stadtmission ihre Kommunikation verbessern.
Was ich allerdings zu bedenken geben möchte: Ist es nicht im Sinne der Idee der Stadtmission, wenn sie ihren plötzlich wertvoller gewordenen Standort aufgibt, um mit den erlösten Mitteln an einem Brennpunkt – von den denen es in Berlin immer noch reichlich gibt – ein zusätzliches Angebot aufzubauen?
Mit dem Eintreffen der neuen Mittelschicht in Prenzlauer Berg (aus der sich auch die ganzen Bürgerinitativen zum Großteil rekrutieren) dürfte auch der Bedarf für ebendiesen Standort erheblich gesunken sein. Die auf dem Foto Abgebildeten nutzen vermutlich nicht die Stadtmission…
Auch Verdrängung sehe ich nicht: Hier wird kein Haus saniert, gar entmietet, nein, es wird eine – wenn auch sehr alte – Baulücke geschlossen. Die künftigen Bewohner werden vermutlich auch nicht direkt aus Beverly Hills in den Neubau ziehen, sondern den bereits im Umfeld Wohnenden in Sachen Einkommen und Sozialmilieu ungefähr gleichkommen.
Darum sollten jene, welche hier Mahnwachen (!) aufziehen immer hinterfragen, ob ihre Motive lauter sind – geht es hier um eine Verdrängung, die man vermeintlich beobachtet oder hat nicht vielmehr Kommentatorin ‚Sabine‘ recht?
klaus maier
Aug. 19. 2012
war da leserbrief : odd sagte : 2010 verweigerte stadtmission jegliche auskunft über das,was mit grundstück geschehen soll auch z.B. kaufoptionen der bürgerschaft wurden nicht beantwortet. wenn das stimmt,hat möglicherweise der grunstückskäufer dieses zu besonders günstigen preis bekommen aus welchen gründen auch immer!