Ich gestehe: Trotz des doch schon gesetzteren Alters ist für mich Ostern von Kindesbeinen an vor allem eine Aneinanderreihung von schul- beziehungsweise arbeitsfreien Feiertagen. Verbunden mit Osterhase, Ostereier, Osterferien sowie – etwas später – mit Osterwasser, Johannespassion und Osterspazier-
gang. Mit und ohne Goethe.
Weihnachten – ja, doch, da sah man auch früher schon mal eine Kirche von innen. Aber Ostern?
Zeit also, diese Erfahrungslücke zu schließen.
Soviel scheint klar zu sein: Ostern ist ein Fest der Frühaufsteher. Zumindest dann, wenn man praktizierender Christ ist. Denn am Ostersonntag beginnen die ersten Gottesdienste früh um Fünf – also eine geraume Zeit vor dem Hellwerden. Doch das war nicht das Einzige, das den konfessionsfreien Ahnungslosen anfangs etwas erstaunte.
So gegen 4.30 Uhr, also eine halbe Stunde vor der Zeit, trifft der erwartungsfrohe Osteranfänger vor der Gethsemanekirche ein. Er scheint allein zu sein auf weiter Flur – kein Mensch ist sonst zu sehen. Die Tür des Gotteshauses steht offen. Also hinein, vielleicht sind alle anderen ja schon drinnen? Im Vorraum ein Schild mit der Aufschrift „Stille“. Die Tür zum Kirchenschiff ist unverschlossen – doch der Saal ist noch dunkel. Es kommen Zweifel auf: Hat man sich in der Uhrzeit geirrt – oder gar im Tag? Wieder draußen vor der Tür, hört der Osterneuling von fern leise Stimmen. Er folgt den Klängen und findet an der Rückseite der Kirche sieben, acht Leute, beschäftigt mit österlich-feierlichen Gesängen. ‚Der Kirchenchor‘, schlussfolgert der Beobachter messerscharf – aber warum singen die hier draußen? Beim Versuch, in der Dunkelheit ein paar Bilder einzufangen, bringt er die Einstellungen seiner Kamera so gründlich durcheinander, dass auch die später geschossenen Fotos allesamt nicht zu gebrauchen sind…
Dunkelheit und Licht
Wieder zurück an der Pforte, sieht der Osteranfänger nun doch Menschen in Kirche hineingehen. Er folgt ihnen, hält aber im Vorraum erneut inne: Drinnen in der Halle ist es noch immer lichtlos. Die die nun an ihm Vorbeeilenden scheint das nicht zu stören – einer nach dem anderen verschwindet in den dunklen, stillen Raum. Also hinterher.
Als sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, ist das Erstaunen groß: Die Kirchenbänke sind zu gut zwei Dritteln besetzt, ziemlich weit hinten findet der Neuankömmling noch Platz. Kaum hat er sich gesetzt, ist auch der Chor wieder zu hören, der hinten am Eingang Aufstellung genommen hat. Dann, einer Prozession gleich, wird eine Kerze nach vorn getragen. Dann werden Texte vorgetragen. Sie handeln von von den Grauen dieser Welt, den vergangenen und den gegenwärtigen. Die Vortragenden stehen im Dunkeln, und wenn das Auge nicht sehen kann, dann schärfen sich die verbliebenen Sinne. So entsteht ein inneres Bild: Das Gesprochene zeichnet die Konturen, die Farben sind die Töne des Gesangs. Zwischen jeder der Rezitationen tritt Stille ein, dann gibt ein schwerer, durchdringender Gong den Auftakt für ein nächstes Bild.
Die Dämmerung scheint schon durch die Kirchenfenster, als schließlich Pfarrer Christian Zeiske nach vorn tritt.
Nach der Predigt werden die mitgebrachten Kerzen entzündet – die ersten am Osterlicht dann wird das Feuer in der Gemeinde weitergereicht. Es wird gebetet und danach entbietet jeder seinem Nachbarn den Ostergruß: „Der Herr ist auferstanden“. „Er ist wahrhaftig auferstanden.“
Nun bittet die Pfarrer Zeiske die Anwesenden sich vorn zu versammeln, dort, wo der Taufstein steht. Fünf erwachsene Männer und Frauen sollen getauft werden. Heiter geht dieses Ritual vonstatten, die Gemeinde hat fünf neue Glieder.
Zum Abschluss werden alle zum Frühstück gebeten. Aber da ist es draußen wie drinnen längst hell.
Osterzeit – Zeit des Suchens
Der Seemann sucht Orientierung und findet sie bei dem Leuchtfeuer am Horizont. Das soll ihn sicher in den Hafen geleiten. Der Osterneuling sucht den Ostergottesdienst der Elias-Gemeinde und orientiert sich am Geläut der Glocken.
Die sind so kraftvoll, wie der Eliaskirchturm mächtig ist – aber ach: Turm und Geläut führen in die Irre! Denn nicht in der Kirche an der Senefelderstraße wird das Osterfest der Gemeinde begangen, sondern gut zweihundert Meter weiter im Elias-Kuppelsaal in der Göhrener Straße.
Es ist kurz nach halb Zehn.
Pfarrer Heinz-Otto Seidenschnur wirkt ein wenig hektisch: Offenbar sind bedeutend mehr Menschen zum Gottesdienst erschienen, als zuvor angenommen. Also schafft er mit wehendem Talar schnell noch einige Stühle heran, auf dass auch alle einen Sitzplatz zur Verfügung haben. Ein Familiengottesdienst wird abgehalten, viele kleine Kinder sind dabei. Die sind noch nicht wirklich an den Dingen, die vorn ablaufen, interessiert Die langweilen sich und werden unruhig. Auch als der Pfarrer sich mit Schwung einen roten Umhang überwirft und dabei einige Aufbauten zu Boden reißt, sorgt das nur bei den Eltern für Heiterkeit. Dann – der Schaden ist behoben – gibt der Pfarrer den Apostel von nebenan: Also Leute, ich bin Petrus, und in meinem Leben ist nun wirklich nicht alles glatt gelaufen… .
Kumpel Petrus.
Ob er angesichts der hier versammelten Klientel damit den richtigen Ton trifft hat, ist schwer zu sagen. Dass der Osterneuling nicht einen einzigen Ton zu treffen vermag, ist hingegen unumstößliche Tatsache. So ist er recht froh darüber, dass alle Notenblätter an ihm vorbeigegangen waren – kann er sich doch nun während des Gesanges der anderen ungestört dem Kampf zwischen Vater und Sohn widmen, der da eine Sitzreihe vor ihm abläuft.
Während sich der vielleicht zwei Jahre alte Knirps daranmacht, ein doch schon äußerst desolates Gesangbuch zu zerlegen, versucht Papa ihn davon zu überzeugen, ihm das Büchlein doch ohne weitere Beschädigung auszuhändigen. Wer auch immer gewinnen mochte – das Buch hatte schon verloren.
Gerade als der Handel um den letzten noch beim Jungen verbliebenen Buchdeckel beginnt, setzt sich eine ältere, etwas stärker geschminkte Dame neben den Gast und reicht ihm freudestrahlend ein Notenblatt hin. Zum Glück wird der Gesang fast im selben Moment beendet – die Ohren der anderen sind noch einmal davongekommen…
Auch hier wird getauft, zwei Kleinkinder sind ab sofort rechtmäßiges Glieder der Gemeinde. Damit geht die Veranstaltung zu Ende – doch für die vielen kleinen Besucher beginnt wohl erst jetzt der wirklich wichtige Teil des Vormittags. Denn im angrenzenden Kindergartengelände war der Osterhase zu Besuch und hatte da einiges hinterlassen…
Gospel, Schauspiel, Selbstgemachtes
Das Stadtkloster Segen in der Schönhauser Allee hat zu 19 Uhr geladen, doch mit den Erfahrungen von zwei Ostergottesdiensten, so denkt sich der Osteranfänger, wird ihm viel neues nicht mehr geboten werden können.
Doch schon beim Betreten des Gebetsraumes wird dem Ankömmling klar: Auch das hier ist irgendwie anders. Direkt vor den Kirchenbänken ist ein Buffet aufgebaut, zusammengestellt aus Mitgebrachtem und Hausge-
machtem der Gäste. Und gleich bei der Begrüßung macht Georg Schubert von der Communität Don Camillo, die das Kloster führt, klar: „Das hier ist kein Gottesdienst, sondern eine Osterfeier.“
Sprachs und begibt sich zu seinem Kontrabass sowie zu seinen Glaubensbrüdern Felix Dürr und Urs Trösch, die bereits mit Gitarre und Trompete auf ihn warten. Sie spielen ganz unösterlichen Swing. Danach bittet Schubert die Anwesenden, die Kirchenbänke zu verlassen und sich an die aufgebauten Tische zu begeben. Der Jugend-Gospelchor „Stimmt so“ der Gemeinde Prenzlauer Berg Nord bringt erneute Stimmung in die heilige Halle, dann wird das Buffet eröffnet. Essen, Trinken, Gespräche mit Tischnachbarn, die man möglicherweise noch nie zuvor gesehen hat.
Dann ist der Jugend-Gospelchor wieder an der Reihe. Und dann gibt es einen Auftritt, der ebenfalls Lust auf mehr macht.
Schauspieler Christian Klischat tritt in einer völlig albernen Verkleidung on den Raum und schafft es dennoch, die Anwesenden in einem wohl zwanzigminütigen Monolog zu fesseln. Der Bogen – stets reicht von satirischer Kirchenkritik bis hin zu einer Hardrock-Verballhornung der guten alten Loreley. Zu beschreiben ist das kaum, man muss es sehen, hören. In jeder Satzpause atemlose Stille im Publikum, überbordender Beifall zum Schluss, minutenlang.
Als der Osteranfänger des morgens das Haus verließ, war es noch dunkel – als er des abends aus dem Stadtkloster kommt, ist die Sonne längst schon wieder verschwunden. Drei christliche Osterfeiern hat er erlebt, jede war anders, war neu auf ihre Art. Hätte man eigentlich schon früher mal machen sollen, denkt er sich so beim Nachhausegehen.
Aber was soll’s, es ist ja bald Pfingsten…

„Soweit die Wolken gehen…“

Am 5. Mai ist Schauspieler Christian Klischat erneut im Stadtkloster Segen zu erleben. Unter dem Titel Soweit die Wolken gehen… tritt er zusammen mit den Musikern Marie-Elisabeth Hecker (Cello) und Martin Helmchen (Klavier) mit einem ein „Psalmenrezital“ vor das Publikum. „Ein sinnlich gewagter Dialog mit dem Schöpfer von Himmel und Erde, dem Un-Nennbaren, dem großen Liebhaber…“, ist darüber in einem Programmflyer zu lesen.
Man sollte sich dennoch nicht von einem Besuch abhalten lassen: Christian Klischats Auftritt vom Ostersonntag lässt ein Erlebnis erwarten.
Was: „Soweit die Wolken gehen…“
Wann: 5. Mai 2011 um 20 Uhr
Wo: Stadtkoster Segen, Schönhauser Allee 161, 10435 Berlin
Eintritt: 1,00 Euro




