Wenn einer eine Tute reist…

…beziehungeweise eine Reise tut, dann kann er was… – aber hallo! Vor allem dann, wenn er in völlig fremde Kulturkreise aufbricht. Und der exotischen Reiseziele gibt es viele: La Habana Vieja zum Beispiel, Bangkok-Rattanakosin oder Shanghai-Jing´an. Oder eben Berlin-Prenzlauer Berg. Und damit der Weltenbummler am fremden Ort nicht völlig hilflos in der Gegend herumirrlichtert, hatte Karl Baedeker vor rund 180 Jahren den Reiseführer erfunden. Baedeker ist zwar zur Zeit verstorben, Christine Berger aber befindet sich bei bester Gesundheit – und so hatte sie es übernommen, den „Kleinen Stadtführer Prenzlauer Berg“ zu verfassen.

Christine Berger: Wollte eigentlich über unattraktive Orte schreiben

Die Geschichte, wie es dazu kam, ist etwas eigen.
Die Autorin zahlreicher Reiseführer wollte mal was ganz, ganz anderes machen und kam so auf die Idee, Stadtführer für unattraktive Orte auf den Markt zu bringen. Der Erstling der neuen Reihe sollte über Frankfurt/Oder handeln. Da aber die dortige Stadtverwaltung aus unerfindlichen Gründen für das Vorhaben so gar nicht zu begeistern war, wich sie kurzerhand auf Berlin-Neukölln aus. Auch ganz nett.
„Doch während der Produktion des Buches“, erinnert sich Christine Berger, „entwickelte sich der Bezirk plötzlich zu einer gefragten Gegend“. Und das postkartengroße Büchlein verkaufte sich bestens. So war zwar die ursprüngliche Idee passé, dafür aber eine neue geboren: Der kleine Berliner Stadtteilführer.

Katakomben der ehemaligen Königstädtischen Brauerei: Hier wäre man tatsächlich ''im'' Prenzlauer Berg...

Auf gut 100 Seiten (korrekter: Seitchen) gibt der „Kleine Stadtführer“ allerlei Auskunft über die Geschichte des Stadtteils, über Kultur, Cafés, Kneipen, Kinos… – er gibt Shopping- und Übernachtungstipps und bietet kleine Portraits von mehr oder weniger bekannten Prenzlauer Berger Zeitgenossen. Soweit, so gut.
Aaaaaber…
Haben Sie, verehrte Leserin, oder Sie, verehrter Leser, schon einmal ein paar Tage auf der Hamburg verbracht? Nein? Oder schon mal im Krefeld übernachtet? Auch nicht? Soso.
Warum ist dann in Dreigottesnamen die syntaktische und grammatikalische Unsitte einfach nicht auszurotten, mit der die Behauptung aufgestellt wird, wenn man auf der Schön-
hauser flaniert, befinde man sich „im“ Prenzlauer Berg?

Shocking: Konnopke fehlt!

Auch ein „no go“: Prenzlauer Berg wäre das „Kreuzberg Ostberlins“ gewesen. Was soll das? „Der Tempel von Angkor ist der Petersdom Kambodschas… .“
Ganz schlimm: Konnopke fehlt! Zwar sei zur Ehrenrettung der Autorin gesagt, dass es in ihrem Büchlein ein kleines Waltraud-Ziervogel-Portrait gibt – aber unter der Rubrik IMBISS ist Konnopkes Wurstschmiede schlicht und ergreifend nicht erwähnt. Und schließlich: Bitte, bitte nie, aber auch wirklich nie, nie wieder „Prenzl’berg“ schreiben – Deppenapostrophs haben wir hier im Osten schon genug…

Trotz der Meckerei: Wer immer Besuch aus Chicago, Moskau oder Erkner bekommt, der kann dem Gast getrost das kleine rote Büchlein in die Hand drücken. Es wird ihm helfen, den
Stadtteil auf eigene Faust zu erkunden.
 
 


Christine Berger:

Der kleine Stadtführer Prenzlauer Berg

erschienen im Doggerbank Verlag

Preis: 6,90 Euro
 
 
 
 

 
 


 
 
 

 



5 Kommentare zu “Wenn einer eine Tute reist…”

  1. lupo

    Juli 14. 2011

    Lieber Herr Kampmann,

    von den ursprünglich 23 Berliner Bezirken führten im städtischen Sprachgebrauch nur zwei einen bestimmten Artikel im Namen: „der“ Wedding und eben „der“ Prenzlauer Berg. (Hinzu kam ein Adjetiv – rot -, das allerdings nach dem Krieg seine korrekt zuschreibende Bedeutung für die ansässige Bevölkerung verlor.) Insofern ist syntaktisch und grammatisch völlig korrekt, auf der Schönhauser Allee „im“ Prenzlauer Berg zu sein; die grammatische Form (wenigsten die) bewahrt die Historie.
    Und „Prenzl’berg“ zu sagen und zu schreiben ist nicht so sehr wegen des Deppenapostrophs unmöglich – furchbar ist es, weil diese Form ursprünglich auf Staatsfunktionäre mit sächsischem Idiom zurückgeht (es läßt sich auch nur auf Sächsisch halbwegs richtig aussprechen…).
    Da wir aber grade bei der Stilistik der Deutschen Sprache sind: Was bitte ist ein „no go“ und was hat es im Text eines deutschen Muttersprachlers zu suchen, der in anderer Leute Suppe stilistische Haare sucht?! (Abgesehen davon, daß es auch kein Englisch ist – versuchen Sie mal, es zu übersetzen…)

    mfg

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  2. von ODK

    Juli 14. 2011

    Verehrter lupo,

    sofort nach dem Studium Ihrer Zeilen begab ich mich ohne Verzug in mein Stammlokal (ein Raucheretablissement), um daselbst ob des „no go“ drei volle Aschenbecher auf meinem Haupte zu entleeren.
    Wiege sagt …äh …wie gesagt, wegen des „no…“ – und nur deswegen! (von dem ich übrigens nie behauptet hatte, dass es Englisch wäre…)

    Ansonsten aber: Nein!

    Nie und nimmer wohnte ein alteingesessener Prenzlauer Berger „im“ Prenzlauer Berg!

    Von meiner Urgroßmutter Emilie Maaß, die Ende des vorletzten Jahrhunderts als junge arbeitslose Tagelöhnerin aus Pommern nach Berlin kam und alsbald in das Quergebäude des damals gerade fertig gestellten Hauses Dunckerstraße 16 einzog (sie starb 1966… – die Urgroßmutter, nicht die Dunckerstraße 16), habe ich nicht ein einziges Mal jenen irreführenden Dativ vernommen. Für deren Töchter (also meine Tante und meine Großmutter) gilt dasselbe: Nie behaupteten sie, „im“, sondern stets nur „in Prenzlaua Berch“ zu wohnen. Und meiner mittlerweile fast 84jährigen Mutter – aufgewachsen zwischen Duncker- und Grellstraße – würde wohl die Zunge brechen bei dem Versuch, sich grammatisch als Unterirdische zu bezeichnen.

    Gleiches galt für meinen Vater (aufgewachsen in der Pappelallee) und meine Großmutter väterlicherseits.

    Ich weiß, dass die von mir sehr geschätzte Daniela Dahn in ihrem Werk „Prenzlauer Berg-Tour“ – ähnlich wie Sie, verehrter lupo – gegenteiliges behauptet. Das ändert aber nichts an den Fakten.

    Das „Im“ zog Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre mit den vielen jungen (und – wie Endler – auch nicht mehr ganz so jungen) kreativen Neu-Prenzlauer Bergern in den Sprachgebrauch ein – es war wohl irgendwie schick, „im“ Prenzlauer Berg zu wohnen…

    Und „Prenzlberg“? Das hat was mit den Amtsstempeln zu tun.
    Die Bezirksverwaltung hieß damals bekanntlich „Rat des Stadtbezirks Prenzlauer Berg“. Die Bezeichnung war für die Stempel offenbar zu lang, und so wurde eben abgekürzt: „Prenzl. Berg“. Für die Eingeborenen nicht weiter von Belang, fanden es die als „Sachsen“ bezeichneten Zugezogenen (also: Thüringer, Vogtländer, Anhaltiner, Lausitzer… – ja, ein paar echte Sachsen waren auch darunter) offenbar saukomisch: „Höhöhö, Prenzlberg… .“

    Aber: So, wie die Neulinge zu Eingesessenen, manche gar zu Alteingesessenen wurden, so bürgerte sich auch „Prenzlberg“ mehr und mehr ein. Es durfte irgendwann als gesellschaftsfähig gelten. Sicher: Auch die „Staatsfunktionäre mit sächsischem Idiom“ machten von jener Sprachschöpfung Gebrauch.
    Aber doch nicht ausschließlich sie.
    Steffen Mensching und Hans-Eckardt Wenzel zum Beispiel wären mir als solche nur schwer vorstellbar…

    Mit besten Grüßen nach nebenan

    Olaf Kampmann

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  3. Herr Yeung

    Juli 14. 2011

    Hallo Redaktion,

    wenn man nicht „in“ Prenzlauer Berg sein kann, warum lautet dann eure Subline: „Nachrichten und Meinungen ‚aus‘ Prenzlauer Berg“?

    Müsste es nicht „Nachrichten und Meinungen ‚vom‘ Prenzlauer Berg“ heissen?

    mfg

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    • von ODK

      Juli 14. 2011

      Wieso? „In“ ist doch korrekt (in Berlin, in Moskau, in Prenzlauer Berg…).
      Ich verweigere mich nur dem Ansinnen, „im“ (Prenzlauer) Berg zu wohnen.

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  4. lupo

    Juli 15. 2011

    Lieber Herr Kampmann,

    gegen Ihre Famielengeschichte kann ich (2. Generation) nur schlecht „anstinken“, wie man in meiner Kindheit hier in solchen Fällen sagte. Ich jedenfalls bin mit dem Dativ (und seiner Erklärung) aufgewachsen, und das war vor den Zuzügen in den siebziger und achziger Jahren. Nebenbei: Wenn ich mich an die ersten eigenen Wohnungen im Kiez erinnere, kann ich nur sagen: mehrheitlich waren wir Troglodythen. Da war der Dativ auch sachlich korrekt.

    Die Geschichte mit dem Stempel ist hübsch, die kannte ich nocht nicht. Festzuhalten bleibt aber erstens, daß nach meiner Erinnerung im Rat des Stadtbezirkes an der Fröbelstraße Berlinisch nicht gerade Umgangssprache war. Das war ja der subtile Witz bei Wenzel und Mensching.
    Und zweitens, daß für jeden Berliner Sachsen unmittelbar, nein, haarscharf hinter der südlichen Stadtgrenze von KW beginnt.

    Im Übrigen hoffe ich, der Wirt Ihrer Stammkneipe hat Ihnen die Sauerei mit den Aschenbechern nachgesehen, so daß Sie Ihr Bier in den nächsten vierzehn Tagen nicht auf der Parkbank trinken müssen (oder in anderen Glashäusern…).

    mfg

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