Oben trifft Ganz Unten

obenunten

 

„Ihr seid auch nichts anderes als die Nationale Front in der DDR! Alles ein Verein! Völlig egal, was man hier wählt, es läuft eh alles auf dasselbe hinaus!“, schimpfte einer der Anwesenden. Ein anderer meinte gar: „Hier hat man bloß noch eine Wahl – die, zwischen Kalaschnikow und Handgranate!“
 
„Wir kommen wählen!“ hieß die von der Landesarmutskonferenz ausgerichtete Veranstaltung im Sozialcafé des Sozialprojekts Beratung + Leben in der Zelter-/Ecke Dunckerstraße. Fünf Kandidaten für die Wahl zur Bezirksverordnetenversammlung – je einer von Bündnis 90/Die Grünen, CDU, FDP, Linke und der SPD – stellten

sich den Fragen der Ärmsten im Kiez: Obdachlosen, Dauer-
arbeitslosen, Senioren ohne ausreichende Rente. Allerdings blieben drastischen Äußerungen wie die oben zitierten die Ausnahmen. Es waren nicht selten recht allgemeine Fragen, die die Kandidaten zu beantworten hatten: Wofür sind BVV und Bezirksamt überhaupt zuständig, welche Mittel haben sie eigenständig zur Verfügung, um sozial Benachteiligten zu helfen – aber auch die eigene Situation wurde zur Sprache gebracht: „Jahrelang habe ich bei der Bahn gearbeitet, Tag- und Nachtschicht. Was davon bleibt, sind 500 Euro Rente“ erzählte eine ältere Frau. Ohne Hilfe der „Tafel“ wüsste sie

nicht, wie sie zurecht kommen sollte. Ihre Schwester bekäme gar nur 300 Euro. Ein anderer beklagte die hohen Preise für die Sozialtickets: „33 Euro im Monat – was ist daran noch sozial?“ Doch nicht immer waren es Forderungen, die an die Bezirkspolitiker gerichtet wurden – manchmal wurden von Gästen auch Begebenheiten aus dem persönlichen Leben erzählt. Axel Bielefeldt von der Linkspartei zeigte sich beeindruckt von Willen eines über Vierzigjährigen, der nach einer Vielzahl von Schicksalsschlägen nun endlich eine Berufsausbildung zu absolvieren will. Ihm einen Ausbildungs-
platz vermitteln konnte aber auch er nicht.
Den Ausweg aus einer anderen Misere hatte immerhin CDU-Spitzenmann Torsten Kühne anzubieten. Als er auf den Umstand hingewiesen wurde, dass immer mehr Hartz-IV-Empfänger zu der vom Jobcenter bezahlten Miete noch Geld von ihren 360 Euro Arbeitslosengeld 2 zuschießen müssen, um trotz steigender Mieten ihre Wohnung im heimatlichen Kiez zu halten, hatte sogleich eine Lösung parat: „Marzahn ist auch sehr schön. Da stehen noch viele Wohnungen leer.“

 

 



2 Kommentare zu “Oben trifft Ganz Unten”

  1. Marco Fechner

    Sep. 15. 2011

    Sehr zynischer Kommentar, Herr Dr. Kühne!

    Reply to this comment
    • Zugereister

      Sep. 16. 2011

      Aber typisch für unsere „Volksvertreter“. Welches Volk vertreten die eigentlich?

      Reply to this comment

Kommentar schreiben

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmen Sie dem zu. Danke!

Datenschutzerklärung
Social Media Auto Publish Powered By : XYZScripts.com