Wowereits Letzte

Ein Blick aus dem Fenster bestätigt das Unerwartete: Die Welt ist nicht untergegangen. Auch der Verkehr rollt weiter, der Bäcker nebenan hat die Rollläden nicht heruntergelassen und bietet weiter Brot und Kuchen feil. War da was? Ja, klar doch: Ein Mann, der in den ersten Septemberwochen durch die Stadt zog, um Teddybärchen in verzückt jubelnde Menschenansammlungen zu werfen, traf auf Verhandlungsexperten, die das Kunststück fertigbrachten, die strittigste aller Fragen mal eben an den Anfang der Einigungsbemühungen zu setzen. Der fassungslose Beobachter solchen Tuns hatte hernach Mühe, sein Gebiss wieder aus der Tischplatte zu ziehen…

„Gescheitert ist Rot-Grün alleine an Klaus Wowereit. Denn die Gespräche und insbesondere der heutige Tag haben deutlich gemacht: Klaus Wowereit persönlich will diese rot-grüne Koalition nicht“, empören sich nun die Berliner Vorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen. Bei so viel öffentlich zelebrierter Naivität wundert einen der Verlauf des rot-grünen Theaterstücks der vergangenen Tage immer weniger. Denn tatsächlich will der Regierende Bürgermeister vor allem eines: Regierender Bürgermeister bleiben – egal, wer unter ihm nun gerade den Koalitions“partner“ gibt.

Machterhalt als Politikersatz

Wer Politik gestalten will, muss Macht erringen und erhalten. Für Klaus Wowereit aber ist der Machterhalt für sich – und nur für sich – längst zum Selbstzweck geworden. Gestaltet wurde von ihm schon lange nichts mehr. Das, was in den vergangenen Jahren in Berlin noch an Politikgestaltung zu beobachten war, ging von den Linken aus. Doch auch die durften nicht all zu übermütig werden – und schlugen sie hin und wieder ein wenig über die Stränge, wurden sie vom Großen Meister entweder mit einem fröhlichen „L’État, c’est moi!“ zurückgepfiffen – oder mal eben schlicht ignoriert. Da bedurfte es schon des Langmuts und der Leidensfähigkeit eines Harald Wolf, um nicht schnurstracks die Plünnen hinzuwerfen.

Der Rest war Jungereyern. Verfehlte Wohnungsbaupolitik mit dem Ergebnis einer katastrophalen Mietenentwicklung, Chaos bei der Polizei… – kein Plan nirgends. Und während die vorhanden Berliner Autobahnstrecken zum Teil nur noch durch Schlaglöcher zusammengehalten werden, ist auch nach zehn Jahren Wowereit-Senat nicht einziges Sanierungsprojekt zur Baureife gebracht worden, auf dass das Geld für die drei Kilometer Stauverschiebungsstrecke sinnvoll eingesetzt werden könnte.

SPD: Am Rande der Politikfähigkeit

Und so plan-und führungslos der Senat nach einem Jahrzehnt Wowereit ist, so desaströs ist der Zustand der Berliner SPD. Ein Vorsitzender, den auch nach acht Jahren im Amt kaum einer kennt und dessen einzige Aufgabe es zu sein scheint, die Truppen zusammenzuhalten: Nicht um irgendeine, wie auch immer geartete Politik zu umzusetzen, sondern um dem Tempelhofer Sonnenkönig den Thron zu erhalten. Und so sieht’s dann auch aus: Verbindende gemeinsame Inhalte? Fehlanzeige. Stattdessen: Jeder gegen jeden im Kampf um Posten und Pöstchen. Wer sich hier oder hier oder hier in den Kommentarspalten umsieht, kann ermessen, in welch inniger Verbundenheit sich die Genossen dem politischen Kampf verschrieben haben.

Wowi-Dämmerung

Die jetzt beginnende Legislaturperiode wird für Klaus Wowereit die definitiv letzte als Berliner Spitzenpolitiker sein.
Sein Aufstieg begann mit der Befreiung der Sozialdemokraten aus der Umklammerung der CDU innerhalb der Großen Koalition unter Eberhard Diepgen. Mit der Neuauflage eines aus SPD und CDU bestehenden Senats hat Wowereit zugleich auch sein politisches Ende eingeläutet. Denn wenn die Christdemokraten auch nominell der Juniorpartner sind, werden sie ab sofort die Sozialdemokraten vor sich hertreiben. Die nur noch auf Machterhalt fixierte Wowereit-SPD braucht einen Partner, um ihren derzeit einzigen Daseinszweck zu erfüllen. Die CDU hingegen könnte – nach zehn Jahren Opposition mit vielen neuen Gesichtern auf dem aufsteigenden Ast – auch ziemlich schadlos wieder aussteigen.
Und so verkehrt sich nun die Situation: Schwebte bisher über den Linken das Damoklesschwert der Koalitionskündigung (als Drohpotenzial standen ja stets die Grünen bei Fuß), kann nun die CDU bei Bedarf mit dem Zaunpfahl winken. Und sie wird es tun.

Nach fünf Jahren CDU-Politik mit einem zum Grüßaugust mutierten Regierenden dürfte die SPD im Jahr 2016 wohl noch über eine ähnlich große Wählerschaft verfügen, wie sie heute bei den Linken zu finden ist.
Eine neuerdings kurz kolportierte (und eiligst wieder dementierte) Möglichkeit eines vorzeitigen Rückzugs Wowereits, verbunden mit der Installierung von – ausgerechnet! – Michael Müller zum Nachfolger, dürfte die längst schon im Gange befindliche Erosion der Partei wohl eher noch beschleunigen.

Die CDU hat zehn Jahre benötigt, um sich von Diepgen/Landowsky zu erholen. Die Verwüstungen, die Wowereit nach seinem Abgang bei der SPD hinterlassen wird, werden wohl eine längere Zeit des Neuaufbaus in Anspruch nehmen.

 

Update: Der Artikel wurde am 6. Oktober aktualisiert.

 

 



9 Kommentare zu “Wowereits Letzte”

  1. Marco Fechner

    Okt. 06. 2011

    Sehr gut zusammengefasst, Herr Kampmann… Dem ist nichts mehr hinzuzufügen…

    Reply to this comment
  2. Marco Fechner

    Okt. 06. 2011

    Zumindest in Bezug auf Ihre Einschätzungen zur Lage der Berliner SPD und Ihres Personals…

    Reply to this comment
  3. Marco Fechner

    Okt. 06. 2011

    Und statt im Landesvorstand oder anderen Parteigremien das Wort zu ergreifen und sich gegen Rot-Schwarz auszusprechen, wird lieber hinterher ein offenes Geheimnis kolportiert, um König Wowi und seinem Kronprinzen zu schaden… Aber vorher noch schnell für Rot-Schwarz stimmen… Wie traurig, alte Dame SPD…

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/landespolitik/spd-kreise-wowereit-will-senat-2013-verlassen/4690804.html

    Reply to this comment
  4. und jetze?

    Okt. 07. 2011

    … bei der nächsten Wahl werden sich die Piraten wahrscheinlich verdoppeln … good night zzzzpppppddddd

    Reply to this comment
  5. additiv

    Okt. 07. 2011

    Der eine sieht es so, der andere so. *gähn

    Reply to this comment
  6. und jetze?

    Okt. 07. 2011

    um 13.54 schon so müde?

    Reply to this comment
  7. extrakt

    Okt. 08. 2011

    Ach wie das grüne Blog vom Prenzlauer Berg jammert. Das ist ja noch schlimmer als Künast und Ratzmann zusammen.

    Reply to this comment
  8. Tom

    Okt. 09. 2011

    Na da ist an Herrn Kampmann wohl ein Psychologe verloren gegangen. Da reichen ein paar intime Sitzungen mit Klaus Wowereit und schon kann er ein persönliches Profil von ihm erstellen.

    Oder sollte der Autor den hier ein psychologisches Profil der Eigenschaften und persönlichen Motivation einer Person erstellt haben ohne auch nur ein Wort mit ihm gesprochen zu haben?

    Das Profil Wowereits ist hier ebenso wenig fachkundig dargestellt wie die Innenansicht der SPD, die Herr Kampmann j auch gar nicht kennen kann.

    Und die Einschätzung zur Regierungspolitik bleibt dem Autor natürlich selbst überlassen. Aber von Fachkenntnis strotzt diese hier wohl auch nicht.

    Es ist schade, dass Herr Kampmann sich hier den Frust aus der Seele schreibt, dass seine eigene Lieblingspartei erstens schlecht abgeschnitten und dann bei den Koalitionsverhandlungen einen derartigen Bock geschossen hat. Etwas mehr objektiven Journalismus würde der PS manchmal ganz gut tun!

    Reply to this comment
  9. additiv

    Okt. 10. 2011

    @ und hetzt?
    Bei der Lektüre auch um 15:55. *gähn

    Reply to this comment

Kommentar schreiben

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmen Sie dem zu. Danke!

Datenschutzerklärung
Social Media Auto Publish Powered By : XYZScripts.com