Oderberger: Bäume, Beete, Kompromisse

Es ist nicht verbürgt – aber vorstellbar ist es auf alle Fälle: Jeden Abend vor dem Zubettegehen gedenken die mit dem Umbau der Kastanienallee befassten Projektverantwortliche, Bauleiter, Grünflächenamts-Mitarbeiterinnen… voller Dankbarkeit der Aktivisten der Initiative „Stoppt K21!“, weil sie durch ihr beherztes Eingreifen einen ähnlichen Umbaukompromiss wie in der Oderberger Straße verhindert haben und so der Umbau der Kastanienallee nun ganz ohne die nervenaufreibende, weil kritische Begleitung durch die Anwohner durchgezogen werden kann.

Baumwurzelalarm: Bagger baggerte Zierapfel an

9 Uhr in der Oderberger; Ein Menschenauflauf vor den Café „Entweder Oder“. Es sind anwesend: Vertreter von der Bürgerinitiative Oderberger Straße (BIOS), eine Mitarbeiterin des Amtes für Natur und Umwelt, ein Gartenbauchfachmann, eine Mitarbeiterin des Sanierungsträgers S.T.E.R.N. und der Bauleiter der Oderberger Straße. Gemeinsam blicken sie auf eine die am Fuße des vor dem Café gelegnen Hochbeetes freigelegte Wurzel. Und die sieht nicht gut aus: Ein Bagger hatte sich ein paar Tage zuvor versehentlich in ihr verbissen. Ob der zur Wurzel gehörende Baum, ein Zierapfel, das überleben wird, ist fraglich. Normalerweise käme nun der Mann mit der Kettensäge. Aber das, finden die BIOS-Leute, geht nun gleich gar nicht. Denn erstens ist der Erhalt des

Gehweg versus Hochbeet: Der Kampf...
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Gewächses ausdrücklich vereinbart worden – und zweitens wurde kurz zuvor schon ein Ahorn “gemordet”, weil er angeblich drauf und dran war, sich auf ahnungslose Passanten zu werfen. “Übertriebenes Sicherheitsdenken”, nennt Frank Möller das, der hier diesmal als BIOS-Aktivist anwesend ist und bei dem sich der stille Beobachter mittlerweile fragt, ob es in Prenzlauer Berg überhaupt einen Verein oder eine Bürgerinitiative gibt, wo er nicht vertreten ist.

Bauleitung und Naturamt bestehen auf die Standsicherheit des Zierapfels, und so muss nun der eigens herbeigeholte Baumfachmann ran. Der schaut sich Baum und Wurzel an und schlägt vor, die Krone kräftig zu beschneiden – dann wird man sehen. Die Chancen für den Baum: Fünfzig zu fünfzig.

...muss ''politisch'' entschieden werden.

Nachdem die Zukunft dieses Baumes nicht endgültig geklärt werden konnte, gerät ein weiterer in das Visier des Bauleiters: Eine Mirabelle. Die steht in einem Beton-Pflanzkübel und der wiederum ragt in den künftigen Bürgersteig hinein: “Der Gehweg muss zwei Meter breit sein.” Die BIOS-Aktivisten sehen das nicht so eng: „Dann wird es hier eben ein bisschen schmaler. Das hier ist schließlich die ‘gute Stube’ der Oderberger.” Doch der Bauleiter bleibt hart. Und so einigt man sich erstens darauf, dass man sich nicht einig geworden ist, zweitens auf eine Unterbrechung der Gehwegarbeiten an jener Stelle – um, drittens, eine “politische” Lösung herbeizuführen: Der zuständige Stadtrat, der als Vertreter des Bezirksamtes der Bauauftraggeber ist, soll sich die Sache ansehen und dann entscheiden.

Erstrittene Bürgerbeteiligung

Dass hier Bürger ins Baugeschehen hineinregieren können, hat eine lange Vorgeschichte.
Nachdem 2007 die Planungen für die Sanierung und Neugestaltung der Oderberger Straße bekannt wurden, regte sich dort – ähnlich wie in der Kastanienallee – heftig Widerstand. Vor allem, dass die “wilden Pflanzungen” verschwinden sollten, mit denen die Anlieger in den zurückliegenden Jahren der Oderberger ein unverwechselbares Flair verschafft hatten, erregte die Gemüter. Es wurde eine Bürgerinitiative gegründet, die die Umsetzung der Bezirksplanungen verhindern sollte.

Die Oderberger Straße vor Umbaubeginn:
Grüner ''Wildwuchs'' sollte verschwinden

Im Gegensatz zur Kastanienallee gelang es in der Oderberger Straße Anwohnern und Bezirksamt, in einem letztlich fast drei Jahre andauernden Bürgerbeteiligungsverfahren eine gemeinsames Projekt zu entwickeln. 90 Prozent des Straßengrüns, so wurde vereinbart, bleiben erhalten. Bäume sollen möglichst nicht gefällt und die die Straße prägenden Hochbeete erhalten oder durch mobile Pflanzkübel ersetzt werden. Für die Pflege der Begrünung werden die Anrainer zuständig sein. Dabei wurde nicht nur gemeinsam jedes Detail des Umbaus – von der Kantenschärfe der Gehwegplatten bis hin zur Form der Laternen – festgelegt. Auch während der Bauausführung, so die Abmachung, werden die einzelnen Abläufe der BIOS angekündigt, mit ihnen besprochen und mögliche Veränderungen im Konsens vorgenommen.
Mittlerweile gibt ein großes Archiv über die regelmäßigen Baukoordinierungsrunden mit Bauleitung, Tiefbau- und Grünflächenamt, bei denen über die Bauschritte unterrichtet, über Ärgernisse gesprochen und strittige Fragen geklärt wurden. Doch manchmal – wenn Ahorne “gemordet” und Mirabellen gefährdet sind, wenn ein Gehweg mit einem Hochbeet um die Vorherrschaft kämpft – dann werden ad hoc auch Vor-Ort-Termine anberaumt.

Die „politische“ Lösung

''Planung!'' - ''Verabredung!''
Tiefbauamtsleiter Lexen (links), ''Entweder Oder''-Inhaber

Eine Woche später ist die Menschenansammlung vor dem “Entweder Oder” noch etwas größer. BIOS ist in stärkerer Formation als zuvor angetreten und Stadtrat Jens-Holger Kirchner hat Tiefbauamtsleiter Peter Lexen im Schlepptau. Kirchner hält die Fällung des Zierapfels – verbunden mit einer Neupflanzung – für die beste Lösung. Die BIOS-Leute nicht. Bei der Verschmälerung des Gehweges wird abgewogen: Sind 1,70 nicht auch noch breit genug für Rollstuhlfahrer und Kinderwagenschieber? Im Prinzip ja, aber: “Wenn im Sommer der Schankvorgarten geöffnet hat”, wirft Kirchner ein, “dann ist hier sowieso schon weniger Platz.” “Und dann noch der Baum, der hier nachgepflanzt wird”, ergänzt Peter Lexen. In der Oderberger Straße stehen die Straßenbäume normalerweise zweireihig. Jener vor dem “Entweder Oder”

Auszeit: Suche nach einem Kompromiss

musste vor einiger Zeit gefällt werden. Dennoch zeigt sich der Inhaber des Cafés überrascht: “Baum? Hier kommt ein Hochbeet hin! Das hatten wir beim letzten Mal so verabredet! Ich habe mir daraufhin schon Markisen bestellt!” “Laut Planung”, beharrt der Tiefbauchef, “kommt hier wieder ein Baum hin.” Aber die Verabredung… .” Die Planung…!”
Die Gespräche sind offenbar an einem toten Punkt angelangt. Also ziehen sich beide Seiten zur Beratung zurück. Nach zirka zehn Minuten präsentiert die Bau- und Bezirksamtsseite einen Vorschlag: 1. Der wurzellädierte Zierapfel wird durch einen gesunden Baum ersetzt, 2. die Gehwegplatten werden in voller Breite um das Mirabellenbehältnis herumverlegt, dadurch würde allerdings der für den Schankbetrieb verbleibende Gehwegstreifen schmaler. Und drittens: Kein Baum vor dem “Entweder Oder”, sondern ein Hochbeet.
Nach kurzem Überlegen stimmen die BIOS-Leute zu – der Konflikt ist bereinigt, die Bauarbeiten am Gehweg können fortgesetzt werden.

Doch, es ist ein zuweilen schon mühseliges Geschäft, so ein bürgerbeteiligter Straßenumbau. Ist es da nicht tatsächlich vorstellbar, dass die Verantwortlichen von Amt, Planung und Bau all denjenigen insgeheim dankbar sind, die ein ähnlich zeit- und nervenstrapazierendes Modell für die Kastanienallee verhindert haben?

“Ach was!”, BIOS-Mann Frank Möller winkt ab. “Wenn das hier mal zu Ende ist, wird denen richtig was fehlen.”
 

 

 

 



3 Kommentare zu “Oderberger: Bäume, Beete, Kompromisse”

  1. und jetze?

    Nov. 25. 2011

    mensch odk, tust du jetzt nur naiv oder bist du´s?
    in der oderberger straße sind unterschiedliche konzepte von „schöner wohnen“ aufeinandergeprallt, … die man dann schließlich in einer gemeinsamen mirabellen-, ahorn-, kleingarten-, pflege- und gemeinsam-sind-wir-alle-toll-vereinbarung „entschärfte“.
    in der kastanienallee trifft das konzept schnellstraße (kirchner, stern, spd, bvg, verkehrslenkung berlin, „senat“) auf das konzept der gewachsenen straße im kiez.
    der streitpunkt ist ein ganz anderer und auch die beteiligten sind ganz andere … einfach mal drei nummern größer als in der oderberger straße. wenn odk jetzt hier so tut, beides sei im wesentlichen vergleichbar – dann irrt er sich gewaltig.

    die über drei jahre lange diskussion in der kastanienallee hat vor allem auch gezeigt, dass das konzept der umbauer gerade auch inhaltlich mehr als notleidend ist. … und für fahrradfahrer im ergebnis wahrscheinlich sogar hochgefährlich.

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  2. Bin Berlin

    Nov. 25. 2011

    über das Ereignis vom 4.November 2011 wurde aus unseren Kreisen schon vor 3 Wochen berichtet, köstlich die Erregung, die Tiefbauamtsleiter Peter Lexen, der „grundhafte Erneuerer“ der Oderberger, auf dem Foto versprüht:
    https://plus.google.com/110793514285957432259/posts/eR9KkuX4711
    Das Getuschel im Eurovia/Sanierer-Pulk war übrigens einhellig genervt: „Hoffentlich nicht sobald wieder in die Oderberger Straße…“

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  3. und jetze?

    Dez. 24. 2011

    … tja

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