Neun Premieren zwischen zwei Brunches

Wer Heimweh hat, der will dorthin zurück, wo er herkam. Der vermisst die gewohnte Umgebung, die Freunde, Verwandten – all das, was man landläufig „Heimat“ oder „Zuhause““ nennt.
Verspürt man dennoch das Verlangen, an einem anderen, möglichst unbekannten Ort zu sein, wird dies gemeinhin als „Fernweh“ bezeichnet.
Aber vielleicht herrscht da ja eine Begriffsverwirrung vor.
Denn die Murkelbühne hat ihre 4. Theaterwochen unter das Motto „Heimweh nach Neuland“ gestellt. Neun Premieren in 14 Wochen – die Kinder und Jugendlichen der Theaterwerkstatt in der Greifswalder Straße.
Den Anfang machte eine Gruppe von „Murkeln“, die im

hausoffiziellen Sprachgebrauch „Kurs 8+ (B)“ heißen die ganz Neuen in der Truppe. „8+“ heißt soviel wie „acht Jahre und ein bisschen drüber“.

Das Stück heißt „Meine Geschichte vom Fortgehen“ und handelt von der achtjährigen Julia, die die Nase voll hat von den Eltern. Nicht, dass es ihr schlecht ginge, nein, aber was ihr offensichtlich fehlt, ist Aufmerksamkeit. Die Eltern sind in stetigen Kabbeleien mit sich selbst beschäftigt und Julia kommt bei ihnen scheinbar nur am Rande vor. Als der Vater – gestresst vom Job – auch noch ihren Geburtstag vergisst,

reicht es ihr – sie haut ab: „Nun sollen sie mal sehen, wie es ohne mich ist.“
Da ist sie nun auf einmal draußen und merkt: Die selbe Stadt, in der man schon immer wohnte, ist plötzlich eine völlig andere, wenn die eigene Situation sich verändert hat. Die Supermarktangestellte ist nicht mehr die teilnahmslose Kassiererin, sondern der scharfe Wachhund, der auf Diebesjagd getrimmt ist – und Julia auch prompt dabei erwischt, wie sie sich vor Hunger Brötchen mopst. Auch mit dem Betteln klappt es nicht so recht – zu ungeübt ist sie auch darin. Erstmals Hilfe bekommt sie von einer obdachlosen Frau, die es Julia nicht nur erlaubt, auf „ihrer“ Bank zu schlafen,

sondern ihr auch noch von dem Wenigen, das sie besitzt, ein paar Würstchen spendiert.

Matthias Kubusch, der das Stück mit den Murkelbühnen-Eleven zusammen entwickelt hat, hielt seine Nachwuchsdarsteller (und -autoren) zuvor dazu an, auf Entdeckungsreise zu gehen: Schaut sie euch an, die Kassiererin im Supermarkt, die Schulsekretärin, die Leute auf der Straße… .
Und so kam eine Typensammlung zusammen, die von den Kindern mit viel Witz gespielt wurde, der aber fast immer da haarscharf seine Grenze fand, wo die Überzeichnung der

Figuren ins vollends Lächerliche hätte kippen können.

Auf das letztlich erwartbare Happy-End – Julia kehrt zurück und wird von den tränenreich Besserung gelobenden Eltern in Empfang genommen – wurde verzichtet: Die Schauspieler brachen das Stück einfach erstmal ab. Bis ihnen ein besserer Schluss eingefallen sei, ließen sie die Zuschauer wissen.
Dennoch: War es doch eine durchaus einleuchtende Deutung des Spielzeitmottos “Heimweh nach Neuland”: Weggehen um Wiederzukommen.

Gekommen ohne wieder wegzugehen waren die Freunde von Buddy, eines Jugendlichen, der auf die Wohnung eines

wohlhabenden Ehepaars aufpassen sollte. Und die nehmen die luxuriöse Behausung erst partymäßig in Besitz und danach Stück für Stück auseinander. Als jedoch Schkreker, der Sohn der Hausherren auftaucht, machen sie sich, von Buddy als Freunde verleugnet, auf und davon.
Zehn Jahre später treffen sie in einer Polizeistation erneut aufeinander. Ein Folterort. Schkreker ist dessen Chef, Buddy und seine Leute sind die Gefangenen. Als Buddy schließlich drauf und dran ist, seinen Freund Minus zu töten,
phantasiert er sich in die ein Jahrzehnt zuvor erlebte Situation hinein. Da er sein damaliges Verhalten als den Beginn einer Kette Abläufen vermutet, die ihn zwangsläufig in die nun

vorhandene Situation brachte, „erlebt“ er den Vorfall von einst völlig anders – in der Hoffnung, dass auch die Gegenwart dadurch verändert würde.

Die vom Kurs „14+ (A)“ erarbeitete Fassung von Fausto Paravadinos Erfolgsstück „Peanuts“ hatte am 15. März Premiere und zeitigte heftige Zuschauerreaktionen. Nach der dritten Aufführung entwickelte sich sogar ein ungeplanter Diskussionsabend über die Botschaft des Werkes.

Ob die kommenden Premieren ähnliches auslösen wird man sehen. Am 29. März steht die Premiere von „Zwanzig Zwölf“, einer Eigenschöpfung der zweiten „14+“-Gruppe auf dem

Spielplan. Ausgehend von den fernsehinszenierten „Dschungelcamps“ und Big-Brother-Containern, wird die Frage durchgespielt, was denn nun wäre, wenn sich die jungen Menschen, die sich für eine solche Show beworben haben, so die Vorankündigung, „nun keine Rolle bekommen, kein Drehbuch, keine Regieanweisung. Wenn es keine Kameras gibt, keine Zuschauer, keine Quote, keinen Erfolg, kein Weiterkommen oder Rausfliegen. Aber der Container, der Dschungel, das Neuland, die Einöde, die bleiben. Und die jungen Menschen, für die sich keiner interessiert, die bleiben auch! Ist das dann das wahre Leben?“

Aus dem wahren Leben der Murkelbühne längst nicht mehr wegzudenken ist der „Kulturbrunch Empathie & Kontroverse“. Das ist eine Sonntagsmatinee, bei der meist „hausfremde“ Künstler auftreten – zwischen den Programmteilen ist dann Gelegenheit für alle Gäste, bei einem Buffet miteiander ins Gespräch zu kommen. Die Brunches werden anlassbezogen veranstaltet: Bühnengeburtstag, Neujahrsempfang, sowie am Beginn und dem Ende einer Spielzeit. Obwohl bisher regelmäßig ausverkauft, soll es bei den lediglich vier Terminen im Jahr bleiben. Eine Ausnahme will Bühnenleiter Matthias Kubusch aber machen: Dann, wenn ein Künstler, den die Murkelbühne unbedingt einladen möchte,

nun gar keine Zeit zu den gesetzten Tagen freikriegen kann – dann soll es künftig auch einen Kulturbrunch außer der Reihe geben, ja, dann könnte sogar der sonst für die Veranstaltung festgeschriebene Sonntag auf einen Donnerstag fallen. Kandidaten für einen solchen „Ausnahmebrunch“ sind zum Beispiel Axel Prahl oder Pascal von Wroblewski.
Pascals Sohn Robert hatte jedoch schon mal Zeit, beim Theaterwochen-Eröffnungsbrunch seinen satirischen Kurzfilm „Hilf dir selbst“ vorzustellen. Das Duo „Heaven´s Gate“ mit Helen Jordan & Peter Knott war mit Gospel-Blues-Folk dabei und natürlich – siehe oben – die neue Murkelbühnen-Truppe der Achtjährigen. Der Abschluss-Brunch findet am 17. Juni statt. Da sind dann die Allerjüngsten an der Reihe: Der „Kurs 6+“
macht sich auf zu einer „Reise um die Welt“.

 

Murkelbühne

Murkelbühne Theaterwochen

3. HEIMWEH nach NEULAND

29./30./31. März und 19./20./21. April 2012, jeweils 19 Uhr
»Zwanzig Zwölf« (Eigenproduktion)
Kurs 14+ (B)
 

26./27./28. April 2012, jeweils 18 Uhr
»Rico, Oskar und die Tieferschatten«
nach dem Kinderbuch von Andreas Steinhöfel
Kurs 8+ (A)
 
09./10./11./12. Mai 2012, jeweils 19 Uhr
»Tschick« nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf
Kurs 12+ (B)
 
22./23./24. Mai 2012, jeweils 18 Uhr
»Untergrund« – ein Berlinmovie (Eigenproduktion)
Kurs 10+ (A)
 
06./07./08./09. Juni 2012, jeweils 19 Uhr
»Letzter Vorhang« – ein Kabarettungsversuch
Kurs 12+ (A)

 
14./15./16. Juni 2012, jeweils 18 Uhr
»Mars« (Eigenproduktion)
Kurs 10+ (B)
 
sowie im Rahmen des

5. Kulturbrunch

»Eine Reise um die Welt« (Eigenproduktion)
Kurs 6+
17. Juni 2012 um 13 Uhr

Ort: Greifwalder Straße 88
 
Verkehrsverbindung: S-Bahn (Ring) Greifwalder Straße, TRAM M4 (Thomas-Mann-Straße)

ÜBRIGENS:
Kulturbrunch 1 bis 4 waren AUSVERKAUFT – daher:
Reservierungen bitte unter (030) 448 33 54 und/oder info@spiel-doch-selber.de.


 

 



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