Kunst, ganz frisch

Der Mensch als solcher verhält sich zuweilen etwas seltsam. Diese Erfahrung musste auch Robert Kuchling machen. Seit dem Herbst vergangenen Jahres betreibt er in der Prenzlauer Allee die „Galerie für frische Kunst“. Immer wieder musste er feststellen, dass sich Laute an den Schaufensterscheiben der Galerie die Nasen plattdrückten – die Räume wohl aber um keinen Preis der Welt betreten wollten.
Möglicherweise, so erzählt Robert Kuchling, fürchteten die so vorsichtig Neugierigen einen Obolus für’s Eintreten entrichten zu müssen – oder aber eine Kaufpflicht. Aber erstens nutze sich Kunst vom Ansehen nicht ab, und zweitens seien die ausgestellten Werke zwar in der Tat verkäuflich, aber dass nun jeder, der die Galerie betritt… – nein.

Robert Kuchling (r.) mit dem slowenische Künstler Miha Erman

Robert Kuchling ist das, was man einen Quereinsteiger nennt: Eigentlich ist er Tierarzt von Beruf und war, wie er berichtet, lange Zeit im Management der der Pharmaindustrie beschäftigt. Zur Kunst kam er durch seinen Bruder Rolf. Der hatte einst an der Kunsthochschule Weißensee studiert und lebt seit langem in Kopenhagen.
Trotz der räumlichen Entfernung ist die Galerie ein gemeinsames Projekt der beiden Brüder. Rolf hat die Kontakte zu den Künstlern, Robert erledigt das Organisatorische vor Ort. Schon bevor die Räume in der Prenzlauerer Allee bezogen wurden, in der zuvor eine Telekommunikationsanbieter sein Domizil hatte, beide schon einige Ausstellungen auf die Beine gestellt. „Wir wollen vor allem junge Künstler nach Berlin holen, junge Künstler aus

Liu Chuanbao

anderen Ländern, die noch nie in Berlin ausgestellt haben.“ Deshalb auch der Name „Galerie für frische Kunst“.
So wie zum Beispiel der 32jährige Miha Erman aus Ljubljana, der bei den Kuchlings im Sommer Foto- und Videoarbeiten präsentierte. Oder die beiden 26 und 27 Jahre alten Slowaken Jarmila Mitríková und Dávid Demjanovič, die mit Pyrographie – trafitioneller Brandmalerei – in der Prenzlauer Allee zu Gast waren.

Aus diesem Rahmen heraus fällt allerdings die aktuelle Ausstellung URBAN HORMONES.
Der 54jährige Liu Chuanbao zählt zu bekannten Malern Chinas. Er hat Design an der Universität Qingdao studiert

Liang Kegang (Executive Director des Yuan Art Museum Peking) Robert Kuchling, Rolf Kuchling, Liu Chuanbao
© Foto: Galerie Kuchling

und arbeitet heute als freier Künstler in Qingdao und ist Direktor der dortigen Kunstakademie.

Spontan, emotional, an keine Konventionen gebunden, so waren die Werke, die Liu Chuanbao am Angang seiner künstlerischen Laufbahn produzierte. Der zur Ausstellungseröffnung mitangereiste Executive Director des Yuan Art Museum Peking Liang Kegang charakterisierte Frühwerk des Künstlers als eine Spielart des Abstrakten Expressionisten. Diese Bilder entstanden in 1980er Jahren, in einer Zeit, als sich China öffnete und sich auch innenpolitisch zu liberalisieren schien.
Die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung im Juni 1989 in Peking, heute als “ Tian’anmen-Massaker“ bezeichnet, stellte für Liu Chuanbao eine ganz persönliche

Zäsur dar: Über zehn Jahre lang blieben Pinsel und Farben unberührt. Erst ab dem Jahr 2000 fand er die Kraft, wieder zu malen.
Doch die abstrakten Leichtigkeit von einst war nun einer gegenständlichen, aber nicht weniger expressiven Darstellung gewichen, die sich mit dem ungebremsten Wachstum chinesischer Städte auseinandersetzt.
Die Bilder erscheinen zum Teil chaotisch: Die Stadt als Wucherung, in der sich die Lust zur alles beherrschenden Gier gesteigert hat. Unkontrolliert und besinnungslos – und längst nicht nur auf das sexuelle Verlangen begrenzt.


 

Die Ausstellung ist noch bis zum 17. Oktober geöffnet.

Die Finissage findet am Donnerstag, den 18. Oktober 2012 um 18.00 – 21.00 Uhr statt.

 

 

Galerie für frische Kunst

 

Liu Chuanbao 刘传宝:

URBAN HORMONES 都市荷尔蒙

 
Prenzlauer Allee 188

10405 Berlin

 
Öffnungszeiten (während der Ausstellung):

Mo/Di/Do/Fr/Sa 14 – 19 Uhr • oder nach Absprache
 
KONTAKT

Tel.: +49 30 2574 7430
Fax: +49 3212 118 1694
E-Mail: Galerie@Kuchling.de

 

 



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