
Foto: Leute am Teute
Seit Dienstag ist nun auch das Sanierungsgebiet Teutoburger Platz Geschichte.
Das rund fünzig Hektar umfassende Gebiet zwischen Choriner, Eberswalder, der Torstraße Straße und der Schönhauser Allee erhielt 1994 als eines von fünf Prenzlauer Berger Quartiere ein Sanierungsstatut, mit dem die Stadterneuerung sozialverträglich gesteuert werden sollte. Laut Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz sind für den städtebaulichen Umbau 109 Millionen Euro an öffentlichen Fördergeldern geflossen.
„Durch die Maßnahmen im Rahmen des Stadterneuerungs-
programms “, lässt sich Stadtentwicklungssenator Michael Müller in einer zum Anlass der Aufhebung herausgegebenen Presseerkärung zitieren, „hat sich das Sanierungsgebiet Teutoburger Platz als Wohnstandort etabliert, der bevorzugt von Familien nachgefragt wird. Zu dieser erfolgreichen Entwicklung entscheidend beigetragen haben die gebietsübergreifende Qualifizierung des öffentlichen Raums sowie der sozialen und kulturellen Infrastruktureinrichtungen.“ Die Überschrift der Presseerklärung lautete: „Erfolgreiches Senatsprojekt: Teutoburger Platz attraktiv für junge Familien“.
Korrekter hätte es wohl heißen müssen: Für wohlhabende junge Familien.
Staatlich geförderte Verdrängung
Denn was der sozialdemokratische Senator als einen mit reichlich Steuermitteln gefördertern „Erfolg“ feiert, hatte vor allem die Verdrängung von sozial schwachen Bevölkerungsteilen zur Folge. Nur 18 Prozent der beim Erlass des Sanierungsstatutes ansässigen Bewohner leben auch heute noch im Kiez. Die Ursache für diesen Vorgang, der euphemistisch „Bevölkerungsausstausch“ genannt wird, ist vor allem in den mit der Gebietssanierung einhergehenden exorbitant gestiegenen Wohnkosten zu finden.
Betrug die durchschnittliche Neuvermietungsmiete laut der 2012 erstellten Sozialstudie zum Sanierungsgebiet Teutoburger Platz (siehe Download unten) „vor 2006“ noch 5,22 Euro, so hatte sie sich bis zum Beginn des vergangenen Jahres mit 9,44 Euro fast verdoppelt. Dementsprechend veränderte sich auch die Bevölerungsstruktur.
Stellten die Haushalte, die über ein monatliches Nettoeinkommen von bis zu 1.300 Euro verfügen, im Jahr 2002 noch 43 Prozent aller Kiezbewohner, so waren es 2012 nur noch 22 Prozent. Der Anteil der Geringverdiener (bis 900 Euro) sank sogar von 24 auf acht Prozent.
Ungesunde Alterstruktur
Im Gegenzug nahm die Anzahl der Gut- und Großverdiener überproportional zu. Konnten 2002 lediglich 18 Prozent auf ein Nettoeinkommen von über 2.600 Euro zurückgreifen, waren es im vergangenen Jahr schon 43 Prozent. Bei der auch weiterhin ungebremsten Mietsteigerungsrate bei Neuvermietungen dürfte diese Entwicklung noch lange nicht an ihrem Ende angekommen sein Ende.
Die soziale Entmischung spiegelt sich auch in der Altersstruktur der aktuellen Bewohnerschaft wider. Fast 52 Prozent der Bevölkerung des Sanierungsgebietes gehören der Altergruppe der 27- bis 45jährigen an. Weitere 13.8 Prozent sind zwischen 45 und 55 Jahre alt.
Senioren über 65 Jahre – in der Regel weniger zahlungskräftig als berufstätige „Leistungsträger“ – sind dagegen fast völlig aus dem Kiez verschwunden. Ihr Anteil beträgt gerade noch 3,5 Prozent.
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KOMMENTAR: Entstaubter Kiez
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Ralf-Michael Kania via Facebook
Feb. 14. 2013
Als ich das Thema Verdrängung bei der S.T.E.R.N-Jubelfeier-Diskussion 2005 – 15 Jahre soziale Stadterneuerung – zu deren Wirkungsgebieten in Kreuzberg SO36 (dort damals Bildungsmigration) und Prenzlauer Berg ansprach, wurde ich von Herrn Theo Winters (Geschäftsführender Stadtverplaner+Mieterberater) empört angeblafft und der Breslauer Ureinwohner Wolfgang Thierse grinste mich vom Podium der Kulturbrauerei mit der Feststellung an „Aber ich bin doch noch da!“ – ihm seien gerne noch einige Jahre gegönnt (inzwischen ist offenbar ein Groschen gefallen: er fühlt sich ja jetzt in seiner neuen Heimat bereits von fremden Brötchen umzingelt).