Wieder mal: Bücher retten – diesmal für die Tucholsky-Bibliothek

BücherregalDie Sache erinnert an die beginnenden 1990er Jahre. Damals wurde aus den Beständen des Leipziger Kommissions- und Großbuchhandels mehr als zehn Millionen Bücher und Broschüren „entsorgt“: Geschreddert, in Heizkraftwerken verbrannt, auf Mülldeponien abgekippt. Und es waren längst nicht nur Schriften von Marxengelslenin oder die vergammelten Reden irgendwelcher Politbürokraten, die da der Vernichtung anheim gegeben wurden. Goethe, Schiller Lessing, Feuchtwanger, Wolf… – weil: Nach Mauerfall und deutscher Vereinigung angeblich unverkäuflich, den Neubundesbürgern stünde nunmehr der Sinn nach hochintellektuellen Bastei-Romanen….

gans Etliche Tonnen der Druckwerke – sowohl druckfrische Literatur, als auch aus Bibliotheken ausgesonderte Bücher – wurden auf einer Müllkippe nahe des sächsischen Borna entdeckt.
Der niedersächsische Pfarrer Martin Weskott startete damals eine Rettungsaktion und brachte das, was auf der Deponie noch brauchbar geblieben war, in Sicherheit.
Über 40.000 Bücher konnte Westkott retten, darunter Klassiker, Fachbücher, Werke von Stefan Heym, Ernesto Cardinal, Leo Tolstoi, Arnold Zweig – sogar ausgewählte Schriften von Friedrcih II. und, ja, eine damals gerade neu aufgelegte Ausgabe des Grundgesetzes war darunter.
In seiner Heimatgemeinde Katlenburg lagerte Martin Weskott die Bücher in einer Scheune und veranstaltete jeden Sonntag nach dem Gottesdienst einen Büchermarkt.
 

Wegwerfen als Qualitätssicherung

Nicht die angebliche Unverkäuflichkeit, sondern „Qualitätskriterien“ müssen als Grund für die Auflage an die ehrenamtlich geführte Kurt-Tucholsky-Bibliothek in der Esmarchstraße nun dafür herhalten, bis Anfang Juli 6.000 Bücher auszusondern. In einem öffentlichen Hilferuf der Betreiber der Bibliothek heißt es dazu:

Es gibt Vorgaben vom Amt für Kultur, dass wir als Ehrenamtsbibliothek genauso viele Bücher (nämlich 15% im Jahr) aussortieren müssen, wie die „normalen“ öffentlichen Bibliotheken auch.
Nur: unser Etat für Neuanschaffungen ist gerade mal 5000 Euro „hoch“ und damit deutlich geringer, als bei den übrigen Bibliotheken; das reicht für ca. 500 Medien im Jahr! Demgegenüber sollen jährlich ca. 3600 Medien – von insgesamt noch 24000 – raus!

Weil wir diesen Wahnsinn in den letzten Jahren – aus schon rein rechnerisch einleuchtenden Gründen – nicht buchstaben/ zahlengetreu umgesetzt haben, wurden wir seit letztem Jahr sehr nachdrücklich und vor zwei Wochen noch einmal aufgefordert bis Anfang Juli noch 6000 Bücher auszusondern.
(…)
Die Erfahrung des letzten Jahres lehrt: wir haben keine Chance uns dagegen zu wehren. Wir riskieren bei Verweigerung die sofortige Abkopplung vom öffentlichen Bibliotheksnetz. Der Bestand ist kommunales Eigentum und der Zugang zu den Räumen in jedem Falle – auch rechtlich – möglich! Im letzten Frühjahr gab es schon drei solcher Einsätze; und wir standen dem relativ machtlos und frustriert gegenüber, haben nur versucht das Schlimmste zu verhindern.

 

Ausleihen um zu retten

Bereits am kommen den Mittwoch sollen vier extra dafür abgestellte Bibliothekarinnen des Bezirks in der Esmarchstraße auftauchen, um den die verlangte Aussonderung durchzusetzen.

Aber, die eherenamtlichen Bibliotheksbetreiber gleuben einen Weg gefunden zu haben, mit dem man diese wirtschaftlich fragwürdige und kulturferne Unvernunft aushebeln könnte:

„Ausgeliehene Bücher können aber nicht ausgesondert werden! Wenn Ihr helft gerade diese Bücher zu retten und sie ausleiht, können sie am kommenden Mittwoch nicht aussortiert werden.“

Also rufen sie die Prenzlauer Berger Buchfreunde – und alle anderen natürlich auch – möglichst viele jener Bücher, die auf der Entsorgungsliste stehen, auszuleihen. Bis zu 60 Exemplare sind erlaubt – und wer keinen Platz für soviel Zuwachs in seinem Regal hat, dem werden sogar Aufbewahrungsmöglichkeiten geboten.
 


 

Kurt-Tucholsky-Bibliothek

Esmarchstraße 18
10407 Berlin

Tel: 030-400 48 668
Fax: 030-403 93 500

E-Mail an die Bibliothek: ktb@prokiez.de

 

 

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