Es geschah in einer der vergangenen, tropisch-schwülen Hochsommernächte in der Wichertstraße. Er lief neben ihr her, konnte die Augen nicht von ihr lassen und dachte… jach!
Doch irgendwie… .
Er hatte ihr Komplimente gemacht, hatte versucht charmant zu sein, ihr allerlei Schnurren erzählt, auf dass sie wenigstens einmal lächle – nichts. So sehr er sich auch bemühte, die junge Schönheit zuckte nicht einmal mit den Mundwinkeln.
Und erst ihr Blick! Wäre der auch nur kurz auf die Flasche mit dem lauwarm gewordenen Bier gefallen, die er sinnfreier Weise noch mit sich herumtrug, wäre das Getränk wohl unversehens auf eine angenehme Zapftemperatur heruntergekühlt worden.
Vielleicht sollte er ihr irgendeinen Witz erzählen. Also kramte er in seinem überreichlich großen Vorrat an Kalauern… – nein, der mit dem dreißig Zentimeter großen Schriftsteller Simmel wäre jetzt wohl nicht so passend… – da plötzlich griff sie mit beiden Händen nach ihm und riss ihn zu sich heran. Mein Gott, dachte er, während ihm fast die Sinne schwanden, was für ein Temperament…
Um es kurz zu machen: Aus den beiden wurde an jenem Abend kein Paar mehr.
Denn ihr scheinbarer Gefühlsausbruch war gar keiner. Die taufrische Schönheit hatte lediglich versucht, den älteren Herrn vor einem Zusammenstoß zu bewahren. Vor einem Zusam-
menstoß mit einem… Parkscheinautomaten.
Denn während alle anderen Ticketspender ihren stillen Dienst wie es sich gehört auf dem mosaiksteinbepflasterten Rand-
streifen verrichten, stellt sich die Säule vor dem Haus Wichertstraße 52 dreisterweise den Fußgängern in den nicht gerade mit üppiger Breite gesegneten Weg. So, als wollte sie den Nutzern des Bürgersteigs eine Mautgebühr abverlangen.
Bezirksstadtrat Torsten Kühne, Herr über alle Pankower Parkscheinsäulen, erklärt das kollisionsbefördende Aus-der-Reihe-Tanzen jenes Stadtmöbels mit einem schwierigen Untergrund: „An manchen Stellen liegen die Versorgungs-
leitungen so flach, dass dort kein standsicheres Fundament gegossen werden konnte.“
Darüber hinaus sei an jener Stelle wohl direkt unter dem Pflaster des Randstreifens eine Betonschicht vorgefunden worden, deren Entfernung offenbar zu aufwendig gewesen wäre.
Dass aber der Kassenautomat eine Behinderung darstellt, wollte auch der Stadtrat nicht verneinen. Er werde daher prüfen, so Kühne, ob die Parksäule mit einer Reflexionsfolie beklebt werden müsste.
Mal davon abgesehen, dass der Gehweg dadurch auch nicht breiter wird – mit einer Folie allein wäre es wohl nicht getan. Die müsste ja auch noch irgendwie angestrahlt werden, um zu reflektieren. Besser wäre da vielleicht, gleich einen Bewegungsmelder zu installieren, der bei auf dem Steig heranahenden Bürgern eine Rundumleuchte nebst sirenenähnlichen Signalton auslöst…
Eine weitere Möglichkeit wäre natürlich, ein paar Schritte rechts oder links vom ursprünglich vorgesehenen Standort den Untergrund des Randstreifens daraufhin zu überprüfen, ob auch hier Beton im Wege liegt. Um dann gegebenenfalls die Stele dorthin zu versetzen.
Aber man mag ja nicht zuviel verlangen…




