Schlachthofwandern – mit Bürgermeister, Fahrrad oder virtuell

Das Wandern ist bekanntlich nicht nur des Müllers, sondern auch des Bürgermeisters Lust. Zumindest in Pankow.
Hier nämlich lädt Bezirksbürgermeister Matthias Köhne regelmäßig zu „geführten Spaziergängen durch das Grüne Pankow“ ein.
Am Samstag, dem 21. September 2013 ist es wieder soweit. Diesmal wandern der Bezirks-Chef und seine Gäste unter der sachkundigen Führung des einstigen Revierinspektionsleiters im Pankower Naturschutz- und Grünflächenamt Dietrich Vigaß über das Gelände des ehemaligen Zentralvieh- und Schlachthofes von Berlin.

04Grün ist dort vor allem der über 5 Hektar große Herrmann-Blankenstein-Park, der zum Teil von dem gusseisernen Gerippe der einstigen Hammelauktionshalle überspannt wird.

Ansonsten erinnern nur noch wenige Gebäude an die einstige Bestimmung.
Neben den Einkaufszentren wird das Gelände allerdings von Häusern dominiert, bei deren Anblick man den Bewohnern inniglichst wünscht, dass es sich drinnen nicht so wohnt, wie die Gebäude von aussen aussehen…
 

Der BER hieß früher „Schlachthof“

Großprojekte dauerten in Berlin schon immer etwas länger. Das war auch schon zu Zeiten so, als es noch keine Flughäfen, ja noch nicht einmal Flugzeuge gab.
Bereits 1864 schlug Rudolf Virchow, der nicht nur ein berühmter Wissenschaftler, sondern auch ein engagierter (Sozial-)Politiker war, in der Berliner Stadtverordnetenversammlung vor, ein von der Stadt Berlin betriebenes, öffentliches Schlachthaus einzurichten. Rund 800 privat betriebene Schlachthäuser gab es zu jener Zeit in der Stadt, Kontrollen waren bei dem Wildwuchs kaum möglich und die hygienischen Zustände entsprechend dürftig.

07Zwei Jahre nach Virchows Vorstoß empfahl eine Kommission, dass das Schlachthaus zusammen mit einem Viehmarkt errichtet werden sollte, weil dadurch die Kontrollen in den Ställen und Schlachthäusern vereinfacht werden könnten.

Die Verwaltung schlug ein Grundstück an der Beusselstraße vor, doch die Mehrheit der Stadtverordneten votierten dagegen.

Im März 1868 erließ die preußische Regierung dann ein Gesetz über die „Errichtung öffentlicher, ausschließlich zu benutzender Schlachthäuser“, („Schlachtzwanggesetz“), das erstens den Bau von kommunalen Schlachthäusern fördern um ein Verbot Verbot privater Schlachtereien durchsetzen zu können. Nun musste Berlin handeln, aber Auseinandersetzungen in der Berlienr Stadtverordnetenversammlung bezüglich der Kostenfrage sowie die tatkräftige Lobby der privaten Schlachter verschleppten den Bau immer wieder.
Schließlich wurde ein zur damals noch selbstständigen Gemeinde Lichtenbarg gehörendes Grundstück zwischen der Eldenaer Straße und der Ringbahn angekauft und eingemeindet.
 

Der „Bauch “ wuchs mit der Stadt

Nach den Hygienevorstellungen von Rudolf Virchow entwarf der Berliner Stadtbaurat Hermann Blankenstein schließlich den Central-Vieh- und Schlachthof.
Obwohl noch längst nicht fertiggestellt, wurde der Schlachthof am 1. März 1881 offiziell eröffnet.

02Bereits kurze Zeit nach seiner Fertigstellung im Jahr 1883 zeichnete sich ab, dass der Zentralviehhof auf Grund der wachsenden Einwohnerzahlen schnell an seine Kapazitäts-
grenze gelangen würde.
Also entschloss sich der Magistrat 1889, das Gelände zu erweitern, und kaufte ein nordwestlich gelegenes 10,9 Hektar großes Gebiet zwischen Thaerstraße und Landsberger Allee, auf dem dann wischen 1895 und 1898 der „Neue Schlachthof“ mit Schlachthäusern, Ställen, Verwaltungsgebäuden und Kühlhäusern errichtet wurde. Damit war die Entwicklung im Großen und ganzen abgeschlossen.

7Ergänzt wurde der „Bauch von Berlin“ später noch durch eine neue Fleischgroßmarkthalle, aus der später diie Werner-Seelenbinder-Halle wurde; Richard Ermisch, der Architekt der Haupthalle des Messegeländes und des Strandbads Wannsee entwarf in den 1020er Jahren neues großes Kühlhaus und 1930 wurde die Rinderauktionshalle, in der sich heute der größte Fahrradladen Deutschlands befindet, um 5000 m² erweitert.
Von 1937 bis 1940 entstand eine etwa 420 Meter lange verglaste Fußgängerbrücke, die von der Eldenaer Straße zum damaligen S-Bahnhof Zentral-Viehhof (heute: Sorkower Straße) führte. Die bekam schnell den Spietznamen „Langer Jammer“ verpasst – wer auch nur einmal dieses Viadukt durchquert hatte, wusste auch, warum…
 

Virtueller Spaziergang über den alten Central-Vieh- und Schlachthof.

8Nach der Wiedervereinigung Berlins hatte sich der Schlachthof – der zu DDR-Zeiten zum „Fleischkombinat“ Berlin gehörte – endgültig überlebt. Die meisten Gebäude fielen der Spitzhacke zum Opfer.

Als der alltägliche Berliner Größenwahn auf die Idee verfiel, die Olympischen Speile des Jahres 2000 nach Berlin holen zu wollen, war das Gelände als Standort für das olympische Mediendorf auserkoren wrden.

Die Spiele wurden dann aber bekanntlich auf die andere Seite des Erdballs vergeben…

9Wandern – und erst recht mit einem leibhaftigen Bürgermeister – ist sicherlich gesünder, als sich am PC durch die Welt zu klicken.
Doch eine Exkursion über den einstigen Central-Vieh- und Schlachthof ist nun auch virturll möglich.
Das Museum Pankow hat dafür einen Online-Lehrpfad zum Gelände erstellt. An zwölf Stationen kann man sich da über die 132jährige Geschichte des „Bauchs von Berlin“ informieren.
Daneben wird aber auch eine Fahrradtour über das Gelände angeboten, die man per E-Mail (zentralviehhof@gmail.com) buchen kann. Das tolle dabei: Die die Erklärungen bei den Führungen werden „In allen möglichen Sprachen“ angeboten. Wer also demnächst Besuch aus Afrika erhält, und der gast spricht nur den südwestlichen Kisuaheli-Dialekt… – einfach mal ausprobieren.

 

 

 



Kommentar zu “Schlachthofwandern – mit Bürgermeister, Fahrrad oder virtuell”

  1. Stephan Müller

    Sep. 15. 2013

    Hallo Herr Kampmann,

    im Oktober könnten wir auf Wunsch tatsächlich eine Führung auf Kisuaheli anbieten, so sie denn gewünscht ist. Ob es die südwestliche Ausprägung ist, müsste ich allerdings erst erfragen.;)

    Vielen Dank für die Veröffentlichung.

    Stephan Müller

    Geschichtsbüro Müller, zentralviehhof@gmail.com

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