Die einst aus Bulgarien importierten Kirschkompott-Konserven sind echt, ebenso wie die eingelegten Grünen Bohnen (“säuerlich gewürzt”) aus dem VEB Obst- und Gemüseverar-
beitung Leipzig. Und auf dem Etikett des ebenfalls ungeöffneten Rotkohl-Glases (Hersteller: VEB Spreewald-Konserve Golßen) ist sogar noch das Abfülldatum zu erkennen: 04.06.89.
Doch die Ausstellung, die am Sonnabend in der Kulturbrauerei eröffnet wird, ist keine Werbeshow für die Langlebigkeit von Ostblock-Konserven. Sie heißt “Alltag in der DDR” und wurde von der staatlichen Stiftung “Haus der Geschichte der Bundes-
republik Deutschland” in Szene gesetzt.
Zunächst erstmal: Die Masse der Exponate scheint den Besucher fast zu erschlagen.
Nicht weniger als 800 Ausstellungsstücke – vom Trabant mit Zeltaufbau bis hin zum Hausbuchquetschen sich auf gerade mal 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Darüber hinaus werden rund 200 Dokumente, Film- und Tonaufnahmen präsentiert.
Und dennoch: Man sieht nichts, was einen tatsächlich einen Erkenntnisgewinn bringen könnte. Kaum etwas, was berührt oder doch zumindest den berühnten “Aha-Effekt” auslösen könnte.
Die Ideenlosigkeit dokumentiert auch in den Statements der Ausstellungsverantwortlichen.
Sammelsurium und Plattitüden
„Das Alltagsleben in der DDR war grundlegend geprägt durch die Rahmenbdingungen des SED-Staates“, heißt beispielsweise in der Presse-Info zur Museumseröffnung – und man überlegt unwillkürlich, wieviel schweißtreibende Forschungsarbeit, wieviel akademischer Sachverstand wohl aufgewandt werden mussten, um zu dieser völlig neuen und bahnbrechenden Erkenntnis zu gelangen.
Auf ähnlich anspruchsvollem Niveau bewegt sich Professor Hans Walter Hütter, Präsident der „Stiftung Haus der Geschichte“, wenn er erklärt:
„Die neue Ausstellung zeigt, dass der Alltag in der DDR nicht losgelöst von den politischen Bedingungen betrachtet werden kann.“
War und ist das in Italien, Russland, Tonga, Spanien, Frankreich, Mexiko, in der Schweiz und auf den Seychellen anders?
Auch das Ausstellungskonzept selbst glänzt mit einer erstaun-
lichen intellektuelle Schlichtheit.
Da werden Jahrzehnte alte Plattitüden erneut durchgekaut und mit dem Gestus des Besonderen, ja, Einzigartigen der staunendem Kundschaft dargeboten.
„Um der umfassenden politischen und sozialen Kontrolle zu entgehen, zogen sich viele Ostdeutsche ins Private zurück, soweit dies möglich war und vom SED-Regime geduldet wurde. Die Datsche und der Trabi mit Dachzelt in der Ausstel-
lung sind Beispiele für diesen Rückzug.“
Dass da nichts “geduldet” wurde, sondern dass man seitens der SED geradezu froh war über jeden, der, statt gegen die bestehenden Verhältnisse zu politisieren, lieber privatisierte, hat sich bis zu den wissenschaftlichen Koryphäen des Hauses der Geschichte offensichtlich noch nicht herumge-
sprochen.
Und dass nun ausgerechnet der Trabi mit Dachzelt samt Reisen zur Ostsee und an den Balaton als diktaturspezi-
fischer Rückzug ins Private gedeutet werden, kann nur den Schluss zulassen, dass es sich bei des freien Bundesbürgers Trip zum Ballermann um eine politische Bildungsreisen handelt.
Dilettieren auf hohem finanziellen Niveau
Der Verdacht, dass das Dilettieren in der ostdeutschen Historie tatsächlich mangelnder Kenntnis der damaligen Verhältnisse und Zusammenhänge in der DDR geschuldet ist, verstärkt sich, wenn der Berliner Stiftungs-Niederlassungsleiter Mike Lukasch beim Presserundgang sein Staunen darüber offenbart, dass seinerzeit in den „Beschwerdebüchern“ der staatlichen Handelsorganisation HO („Der Kunde hat das Wort“) so ungeniert und direkt Kritik an der Versorgungslage geäußert wurde.
Tatsächlich war solcherart Kritik sogar ausdrücklich erwünscht. Erstens hatte sie eine Ventilfunktion, zum zweiten wurde der Unmut so auch in eine Semi- oder Nichtöffentlich-
keit kanalisiert.
Eine ähnliche Funktion hatte übrigens auch das ganz spezielle “Eingabewesen” in der DDR, bei dem man – am besten gleich an den Staatsratsvorsitzenden persönlich – seinen Unmut über diesen oder jenen Missstand äußerte und um Abhilfe bat. “Ick hab‘ an Honecker jeschrieben” war durch aus fast so etwas wie ein geflügeltes Wort.
Der Arbeitstitel der Ausstellung lautete „Alltag in der SED-Diktatur“.
Genau diesem Thema widmet sich seit dem Sommer 2006 auch das DDR-Museum, dass sich nicht einmal fünf Kilometer von der Kulturbrauerei entfernt am Fuße des Berliner Doms – auf fast doppelt so großer Fläche, besser strukturiert und in seiner Darstellung einprägsamer.
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Fast schon Realsatire
Die Antworten auf die Frage, warum nun in unmittelbarer Nähe mit immensen Geldmitteln – von einer Million Euro war die Rede – ein zweites Museum mit identischer Thematik eröffnet wird, fallen nur vage aus. Die Ausstellung sei wissenschaftlich fundiert, ließ Hans Walter Hütter sich dazu vernehmen und: „Bei uns werden die Objekte in den Zusammenhang gestellt.“
Und so sieht der dargestellte „wissenschaftlich fundierte Zusammenhang“ zuweilen dann aus: In einem Kiosk-Fragment sind Zeitungen vom 1. Mai 1980 ausgestellt, auf deren Titelseiten allesamt die Mai-Losungen des ZK der SED prangen. Um offenbar auch dem letzten Dämlack „wissen-
schaftlich fundiert“ die unglaubliche und bisher völlig unbekannte Neuigkeit zu vermitteln, dass es in der DDR eine einheitlich gesteuerte Presse gab. Platter gehts kaum noch – diese Art der eindimensionalen „Holzhammer-Argumentation“ ist in der Tat „DDR-würdig“.
Darüber hingegen, wie eine solche Berichterstattung zustande kam, wie die „Befehlsketten“ innerhalb der DDR-Medien funktionierten, ist nichts zu finden.
Und weil nichts über Nischenpublikation und Fachblätter zu finden ist, bei denen zuweilen für DDR-Verhältnisse ganz erstaunliche Freiheiten zu konstatieren waren, erfährt der Betrachter auch nicht welche Mechanismen zu diesen scheinbare Anachronismen geführt haben.
Auf ähnlichem Lieschen-Müller-Niveau wird auf die Allgegenwärtigkeit der staatlichen Überwachung verwiesen, wenn etwa in einem nachgebautem Wohnzimmer ein paar Abhörwanzen drapiert wurden. Das trägt dann im Zeitalter der Enthüllungen von Edward Snowden über NSA, PRISM, GCHQ et al. fast schon realsatirische Züge.








Kathrin Berger via Facebook
Nov. 18. 2013
ganz böse Fortführung des kalten Krieges. „Darstellung des Lebens unter der Diktatur“. Selbst mein Liebster (aus Münster) hat sich beim Besuch stellvertretend geschämt !!
Susanne Kunjappu-Jellinek via Facebook
Nov. 18. 2013
guter artikel!
Max Well via Facebook
Nov. 18. 2013
Man schämt sich ja heute noch für die sog. ddr.
Susann Blickensdorff via Facebook
Nov. 19. 2013
Ausstellungen gibt es , tss…Soviel Vorbereitungszeit und soviel (Steuer) Geld und so ein Ergebnis ;-))). Mein Schneider (Traditionsunternehmen seit mehr als 5 Jahrzehnten,u.a auch auf dem Boden der DDR), ist sehr gekränkt, er kommt in der Ausstellung nicht vor und der Bäcker nicht und unsere zahlreichen Urlaube ohne Campingzelt auf dem Trabant sind auch vergessen „worden“, manno…