Bahnstreik: Stimmen aus dem Bahnhofshimmel

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Der eine oder die andere hatte es offenbar trotz Dauerberichterstattung nicht mitbekommen und stand nun etwas ratlos da: Auf dem Bahnsteig warten – oder doch gleich wieder umkehren?

 
Streik3Das ganz große Chaos blieb zumindest auf den hiesigen S-Bahnhöfen aus.
Der Warnstreik der Eisenbahnergewerkschaft GDL hatte um 18 Uhr begonnen – mithin zu einer Zeit, in dem der Berufs-
verkehr bereits so gut wie vorüber war.

Diejenigen, die trotz aller Bekanntmachungen auf dem Bahnsteig verharrten, waren wohl entweder Touristen – oder aber Menschen, die an die Verkündigungen solch höherer Wesen wie zum Beispiel Bahnhofslautsprecher glauben.

Denn während die Anzeigedisplays unmissverständlich mitteilten „S-Bahn von GDL-Warnstreiks betroffen! Nutzen sie bitte alternative Verkehrsmit“ (für die letzten drei Buchstaben reichte der Platz nicht mehr), waren aus den bahnhofseigenen Klangmöbeln immer wieder Botschaften der Hoffnung

streik2zu vernehmen: „Die S-Bahn…. nach Landsberger Allee… Schöneweide… voraussichtlich…“

Spätestens hier zeigte sich, wer es wie mit dem Glauben hält.

Da waren zum einen die eiskalten Atheisten. Ich sehe, was ich seh‘. Streik ist Streik, alle Räder stehen still… . Stimmen aus dem Bahnhofshimmel? Alberner Hokuspokus, Opium für das

Streik6aBahnfahrervolk. Also: Kehrt Marsch und auf zum Bus, zur U-Bahn oder Tram.
Dann die Zögerlichen, die Zauderer. Noch nicht den Bahnsteig erreicht, standen sie auf der Treppe, hin- und hergerissen zwischen dem, was sich ihnen augenscheinlich an trister Realität darbot und jenen verheißungsvollen Sirenen-
gesängen, die ihnen zusäuselten: Komm herunter, bleib, alles wird gut… . Es mangelte an dem letzten bisschen Kraft zum Glauben, der sie hin zu den anderen Wartenden hätte führen können, zugleich aber fehlte auch die Entschlossenheit, auf dem Absatz umzukehren, um anderswo das Glück zu suchen.

Streik5Und schließlich jene, die niemals auch nur einen leisen Zweifel daran hegten, was ihnen die Stimme des Herrn… äh… des Herrn Bahnhofsvorstehers so lieblich knarzend in Hirn und Herz gepflanzt hatte.
In sich ruhend, den Blick auf die elektronischen, mit leuchtenden Fensterchen versehenen Gebetsmühlen der Neuzeit gerichtet, stehen sie unerschütterlich zu ihrem Glauben: Eine Bahn wird kommen und uns erlösen von dem Übel der Immobilität.

Und tatsächlich: Diejenigen, die im Glauben fest geblieben waren, wurden nach einer langen Zeit der Prüfung reichlich

s-bahnbelohnt: Irgendwann, nach mindestens einer Ewigkeit, fuhr sie herab – beziehungsweise ein: Die sehnüchtig erwartete, von vielen längst in Reich der Fabel verwiesene und nun doch alle selig machende S-Bahn.

Deren Triebwagenführer gehörte offenbar einer anderen Gewerkschaft an.

 

 

 



Kommentar zu “Bahnstreik: Stimmen aus dem Bahnhofshimmel”

  1. Dass der Berufsverkehr bereits so gut wie vorüber war, kann ich nicht bestätigen. Ich selbst bin die Strecke von Adlershof nach Prenzlauer Berg zwar mit dem Fahrrad gefahren, habe mir aber alle Bahnhöfe auf der Strecke angesehen. Mindestens bis zum Treptower Park waren massenhaft Berufspendler gestrandet, erst danach nahm deren Anzahl dann ab.

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