Wahlkampfdampf

Als die Rechtsgelehrten also gesprochen hatten, ertönte ein Donnern über den Wolken und der bärtige Alte droben schleuderte seine Blitze gegen den von den Weisen so geschmähten…

Gut, nach näherem Hinsehen war es dann doch nicht der zürnende Göttervater Zeus auf seinem Himmelsthron, sondern bloß Wolfgang Thierse, der nach dem Beschluss des Oberverwaltungsgerichtes gegen den Bau im Hof der Kollwitzstraße 42 ein bisschen Wahlkampfdonner mach-
te: „Es ist typisch für den linken Baustadtrat Michael Nelken, dass er sich von einem Gericht sagen lassen muss, wie man gute Stadtentwicklungspolitik macht.“

Obwohl der Sessel eines Bundestagsvizepräsidenten eigentlich der Erde näher sein sollte, als die Sitzgelegenheit des Zeus, scheint die Höhe, aus der Thierse von seinem Amts-Platz herabblickt, immer noch so groß zu sein, dass er so mancher Einzelheit nicht mehr gewahr wird.
Zum Beispiel, dass die gesetzlichen Voraussetzungen, die solche Horrorbebauungen wie in der Kollwitzstraße erst denk- und machbar werden ließen, von der Berliner Landesregierung – genauer gesagt, aus dem Hause Junge-Reyer – stammen. Und Ingeborg Junge-Reyer ist keine Linke, sondern Sozialdemokratin. Wie Wolfgang Thierse. Unter der Verantwortung der SPD-Genossin entstand die heute gültige „Berliner Bauordnung“. Da wurde der Mindestabstand zwischen zwei Bauten, der zuvor so groß sein musste, wie das zu bauende Gebäude hoch war, auf 0,4 Gebäudehöhen beziehungsweise drei Meter eingedampft. Notwendigkeiten gab es dafür keine – außer der Gier von Grundstücksspekulanten und -„verwertern“, die seitdem zumindest dem Gesetz nach jeden noch so kleinen Hinterhof mit Beton zuschütten können, wenn’s nur ausreichend Rendite bringt.
Hat man Herrn T. je von der „sozialdemokratischen Senatorin“ bramarbasieren hören?

Lustig auch die Pankower SPD: Die fordert „den sofortigen Baustopp des Vorhabens in der Kollwitzstraße 42.“ Und zwar nachdem durch den Beschluss des Oberverwaltungsgerichtes der Bau gestoppt wurde.
Mutig, mutig – hätte man denen gar nicht zugetraut!

Nicht weniger drollig als der Thierse-Wolfgang und die Pankow-SPD ist „Die Linke“ von Pankow drauf. Kein Wort davon, dass das Oberverwaltungsgericht die Baugenehmigung für den Hofbunker in der Kollwitzstraße schlicht für rechtswidrig, also illegal erklärt hat – stattdessen der fast schon trotzige Verweis darauf, dass das erstinstanzliche Gericht ja alles ganz, ganz anders gesehen hatte. Statt Schlussfolgerungen aus der vom Gericht – verbindlich! – dargelegten Rechtslage zu ziehen, ergeht sich Pankows Linke-Chef Sören Benn in seiner Erklärung zum Gerichtsbeschluss ellenlang in SPD-Bashing. Man kommt sich vor, wie im Kindergarten Wahlkampf: Haust du meinen, hau‘ ich deinen.

Gekrönt wird das alles von einer Erklärung des Stadtrates selbst: Michail Nelken wundert sich öffentlich darüber, dass da plötzlich ein Gericht jene Tätigkeit übernommen hat, für die eigentlich er gewählt wurde: Stadtentwicklungspolitik selbst gestalten, statt nur Weisungsempfänger seiner nicht selten fernab von jeder (Lebens-)Realtität agierenden Bauverwaltung zu sein.

Nochmal abschließend zur Erinnerung: Die Bauverordnung, die solche Bauvorhaben, wie das vom OVG nun gestoppte, erst in den Bereich des Möglichen rückte, wurde von der rot-roten Landesregierung in die Welt gesetzt. Statt sich öffentlich gegenseitig ans Bein zu pinkeln, wäre es für beide Parteien ein Leichtes, die Vorschriften so zu verändern, dass derartige Bauten künftig von vornherein unterbleiben. Davon, dass dies tatsächlich geschehen soll, hat man bisher weder von der Linken, noch von der SPD etwas vernehmen können.

 

 

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2 Kommentare zu “Wahlkampfdampf”

  1. Severin Höhmann

    Dez. 01. 2010

    Sehr geehrter Herr Kampmann,
    zumindest der letzte Satz stimmt einfach nicht: Wir Pankower Sozialdemokraten haben sehr wohl eine Änderung der Bauordnung (von 0,4 auf 0,8) gefordert und dafür auch auf dem vergangenen SPD-Landesparteitag eine Mehrheit erreicht. Dass unsere frühzeitigen Mahnungen leider auch von einigen Mitgliedern der eigenen Partei in der Vergangenheit nicht ernst genommen wurden, dass erst Absurditäten wie in der Kollwitzstr.42 geschehen mussten, damit auch auf Landesebene begriffen wurde, welch negativen Folgen die Änderung der Bauordnung hat, all das ist bedauerlich – aber: wir Pankower Sozialdemokraten versuchen, Dinge zum Positiven zu ändern und dafür Mehrheiten zu gewinnen. Dass Sie das als „Wahlkampfdampf“ bezeichnen, ist etwas geschmäcklerisch – wann, wenn nicht jetzt sollten wir für die Stadtentwicklungspolitik im Bezirk (und auch auf Landesebene!) für Veränderungen kämpfen und werben?
    Außerdem, und das müssten Sie bei der Urteilslektüre auch erkannt haben, spielen Abstandsflächen beim OVG-Urteil zur Kollwitzstr. 42 fast keine Rolle. Die Richter haben die Baugenehmigung für die „Neuen-Zille-Höfe“ deshalb kassiert, weil das Pankower Stadtplanungsamt bei der Bewertung des §34 BauGB nur die Dichte der angrenzenden Bebauung als Maßstanb genommen und die Bedeutung von anliegenden Frei- und Grünflächen völlig außer acht gelassen hat. Ein Stadtplanungsamt, dass wie in diesem Fall, anscheinend vorrangig den Interessen von Bauherren und Investoren dient und ein Stadtrat, der ohne Kurs und Kompass herumlaviert und seinen Mitarbeitern keine politische Richtung vorgibt – die müssen sich heftige Kritik (auch von einem prominenten Anwohner vom Kollwitzplatz) dann schon gefallen lassen.

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  2. Andreas Schneller

    Dez. 17. 2010

    Naja, zumindest hat sich Thierse mal wieder in seinem Wahlkreis in Erinnerung gebracht. Außerhalb des Soda-Clubs.

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