„Pankower Gärten“: Jodeln für Hochpreisiges

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Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft GESOBAU feierte in der Blankenburger Straße ihr erstes Richtfest nach eineinhalb Jahrzehnten. Bis zum Herbst sollen dort zum Herbst 100 Wohnungen fertiggestellt sein. Das Projekt „Pankower Gärten“ ist beispielhaft für das Dilemma der Berliner Wohnungspolitik.

 

01Es gibt Dinge, die erscheinen so surreal, die kann man gar nicht erfinden…

Die Honoratioren – Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel, Bezirksbürgermeister Matthias Köhne, GESOBAU- Chef Jörg Franzen – waren vollzählig auf dem Hof der künftigen Wohn-
anlage „Pankower Gärten“ versammelt, da betrat eine mittel-
alterliche, blondbezopfte Dame das Podium. Sie erzählte, dass es doch bemerkenswert sei, dass sie, die sie aus Blankenburg komme, sich nun in der Blankenburger Straße befinde und fing an zu…. jodeln. (siehe Video unten)

franzenNachdem der Rohbau jene akustische Statikprüfung ohne sichtbare Schäden überstanden hatte, nahm GESOBAU-Vorstand Jörg Franzen die verfehlte Wohnungspolitik der Vergangenheit aufs Korn. Er tat das nicht direkt, sondern for-
mulierte positiv: Dies sei das „erste Richtfest der GESOBAU seit fünfzehn Jahren“.
Eine Wohnungsbaugesellschaft, die auch in ihrem Namen den Begriff „Bau“ führt, hat also fünfzehn Jahre lang keine einzige Wohnung gebaut – beziehungsweise bauen dürfen… .
Das bedeutet auch: Keine Erfahrungen mehr, w i e man überhaupt plant und baut (die entsprechenden Abteilungen wurden mangels Bedarf in grauer Vorzeit abgewickelt) – ein Neubeginn war nötig, um wieder ins Baugeschäft einsteigen zu können.

 

Falsches Manuskript?

Einen bemerkenswerten Auftritt legte Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) hin. „Es geht nicht nur darum“, so Geisel, „Wohnungen zu bauen. Wir brauchen bezahlbare Wohnungen.“ Entweder war das als harsche Kritik an der GESOBAU gedacht – oder aber sein Redenschreiber hatte ihm das falsche Manuskript gereicht. Denn der niedrigste Mietpreis, der in den „Pankower Gärten“ aufgerufen wird, liegt bei 6,90 Euro je m². Kalt natürlich. Und das betrifft auch nur ein gutes Drittel der Wohnungen. Der Rest wird mit gut elf Euro angeboten werden.

GeiselSicher, „bezahlbar“ ist ein sehr weit auslegbarer Begriff – solange nicht hinzugesetzt wird, für wen. Für die anwesenden Zimmerleute und Trockenbauer, denen der Senator dafür dankte, dass sie mit ihrer Arbeit im Zeitplan liegen?
Wohl eher nicht.
Besonders erfreut zeigte sich Senator Geisel darüber, dass die GESOBAU bei diesem Projekt auf große Wohnungen setzt. Geisel: „Denn wir brauchen auch kinder- und familiengerechte Wohnungen. Da haben wir hier auch Fünf-Raum-Wohnungen, größere Wohnungen an dieser Stelle. Das ist die Mischung, die wir brauchen.“
Beim Mischen fielen allerdings jene Familien mit Kindern unter den Tisch, die sich 11 Euro nicht leisten können. Auf eine Anfrage des bündnisgrünen Abgeordneten Andreas Otto von Juli vergangenen Jahres erkärte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, lediglich „vier Wohnungen mit einer Fläche von jeweils rund 52 m² würden bei einem Zwei-Personen-Haushalt“ preislich so bemessen sein, dass die Wohnkosten die Senatsvorgaben für Hartz-IV-Empfänger nicht überschreiten. Pankow wird wohl seinen fragwürdigen Spitzenplatz weiter behalten.

 

Reden und handeln…

Der Pankower Bezirksbürgermeister Matthias Köhne freute sich ebenfalls über den Neubau, sprach aber zugleich von „Wachstumsschmerzen, die den bevölkerungsmäßig stetig größer werdenden Bezirk plagen.

KöhneMatthias Köhne: „Wir haben natürlicch auch deshalb Wachstumsschmerzen, weil jeder Wohnungsbau Folgen hat. Die Menschen, die hier einziehen, bringen siicherlich ganz viele Kinder mit. Oder die kommen, wenn sie hier eingezogen sind. Aber dann kommt unsere Herausforderung. Denn sie wollen auch Schulplätze haben, sie wollen auch Kita-Plätze haben, sie wollen Spielflächen haben, Freiflächen, Sportplätze. Aber wenn überall Wohnungen gebaut werden, ist dafür kein Platz mehr da. Da muss man aufpassen.“

Ach, hätte er doch nur aufgepasst… . Denn gerade eben ist das von ihm geführte Bezirksamt dabei, in Prenzlauer Berg, jenem dicht bebauten Stadtteil, in dem es an all den von ihm beschriebenen Dingen mangelt, eines der letzten größeren unbeplanten Grundstücke zwischen dem S-Bahnhof Greifswalder Straße und dem Thälmannpark einem selbst beim hiesigen Stadtentwicklungsstadtrat nicht gut beleumundeten Immobilienhändler zu überlassen, auf dass er darauf profitabel Wohngen baue.
Und das, obwohl das Bezirksamt schon vor über drei Jahren festgestellt hatte, dass der Bedarf an „sozialer Infratruktur an dieser Stelle größer ist, als vorhandene Fläche.

Reden und handeln…
 

Kein Nagel versenkt

Als die Reden beendet waren, wurde noch einmal gejodelt. Was den Kranführer dazu veranlasste, den Richtkranz schnell in Sicherheit bringen: Eilends zog er ihn mit seinem Hebegrät nach oben.
Danach wurden die Vertreter von Politik und Wohnungswirtschaft an einen Balken gebeten, auf dass sie dort mit kräftigen Hammerschlägen Nägel ins Holz versenken.

In einem Zeugnis hätte es wohl geheißen: Sie haben sich sehr bemüht.

Nicht ein einziger Nagel ging in die Tiefe. Nur etwas verbogen waren meisten am Ende des Versuches.

 
nägel

 
 

 

Das Video zum Ereignis 

 

Impressionen
 
kranz unten

hono

Zimmerleute

Personal

prost

Publikum

Blick nachobenunten

Mauersitzer

Koch

Kranzhalter

Polier

Bier

essen fassen

essen

Kranz oben

 



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