Am Donnerstag Abend hatte Stadtentwicklungsstadtrat Jens-Holger Kirchner vor Publikum verkündet, dass er am kommenden Tag einen Baustopp für das Skandalhaus Kopenhagener Straße 46 verfügen werde.
Am Freitag dann erst einmal ein kleiner Rückzieher. Er habe sich, erklärte Kirchner, in seinem Amt mit den zuständigen Mitarbeitern beraten und sie beauftragt, alle rechtlichen Möglichkeiten zu prüfen, dem Treiben des Eigentümers ein Ende zu setzen. Kirchner: „Und zwar wirklich alle – bis hin zur Beschlagnahme oder Enteignung.“
Das Haus ist erstmals vor rund eineinhalb Jahren wegen der brachialen Entwietungspraxis seines Eigentümers, der Christmanngruppe (Geschäftsführer und Gesellschafter Wulf Christmann) in die Schlagzeilen geraten und ist seitdem zu einer Art Vorzeigebeispiel für gezielten Terror gegen Altmieter zum Wohle des Geldbeutels eines Immobilieneigners geworden. Mittlerweile steht sogar der Vorwurf eines Mordversuches im Raum.
Eigentümer skrupellos – Politiker machtlos
Das Unternehmen hatte das Haus 2013 gekauft und in Eigentumswohnungen umgewandelt. Damit begann für die Bewohner ein Horrortrip, der für die letzten im Haus verbliebenen Mieter bis heute anhält.
Nach dem Eigentümerwechsel wurde die Sanierung des Gebäudes angekündigt, samt einer Mieterhöhung um das drei- bis vierfache des bisherigen Preises. Die Mieter lehnten die Modernisierung ab, wurden auf Duldung verklagt – es war der Beginn unzähliger gerichtlicher Auseinandersetzungen.
Im Frühjahr 2014 wurde das Haus mit einer Plane verhüllt – wegen der anstehenden Fassadensanierung. Doch saniert wurde lange Zeit wenig. So blieb das Haus gut acht Monate verhüllt – mit einer „Winterplane“, wie die Vertreter Christmanns vor Gericht zugeben mussten.
Kein Licht, kein Luftaustausch – im Haus wohnten damals noch mehrere Familien mit Kindern. Auch hier wurde von den Mietern geklagt und es fielen groteske – weil widersprüchliche – Urteile: Während die im Erdgeschoss befindliche Wohnung ein Loch in die Verhüllung schneiden durften blieben die anderen Mieter im Dunkeln. Als der Austausch der Fenster anstand, blieben die Fensterhöhlen tagelang leer – die Mieter mussten einen Wachschutz engagieren, um ungebetene Besucher fernzuhalten.
Als die neuen Fenster schließlich eingebaut waren, fehlten an ihnen die Griffe zum öffnen…
Die Mieter wehrten sich nicht nur gerichtlich, sie suchten auch die mediale Öffentlichkeit. In der Folge gaben sich in der Kopenhagener 46 Politiker jeglicher Couleur – bis hin zum Bundesjustizminister – die Klinke in die Hand, fanden alles ganz, ganz schlimm – und fuhren wieder ab. Geändert hatte sich dadurch natürlich nichts.
Die meisten Mieter haben mittlerweile vor dem Christmann-Terror kapituliert und sind ausgezogen. Geblieben sind Sven Fischer in der vierten Etage des Seitenflügels sowie eine WG im Erdgeschoss, in der seine Lebensgefährtin und ihre Kinder wohnen.
Christmann besteht auf Unbewohnbarkeit
Die vorerst letzten Akte waren die Verwüstung von Fischers Bad durch Bauarbeiter, die durch das Dach eingebrochen waren und den Warmwasserboiler entfernt hatten sowie die Verschließung des Kaminabzuges, durch den auch die Abgase der Gasheizung geführt wurden. Der Verschluss wurde nur zufällig entdeckt – Sven Fischer sieht darin einen Mordanschlag auf sich und seine Familie und eine entsprechende Strafanzeige gestellt.
Da es nun weder warmes Wasser noch Heizung gibt, sind die Wohnungen nun eigentlich unbewohnbar. Also beauflagte das Bezirksamt den Eigentümer, die Bewohnbarkeit wiederherzustellen. Wie Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner nun mitteilte, hat Christmann gegen diese Anordnung Widerspruch eingelegt.
Woraus folgt, dass Wulf Christmann den Zustand der Unbewohnbarkeit erhalten möchte – zumindest wohl solange, bis auch die letzten Mieter die Kopenhagener Straße 46 verlassen haben.




