Senat stückelt sich an den großen Lockdown heran


 

Irgendwie erinnerte Michael Müller an ein kleines, mit dem Füßchen aufstampfendes trotziges Kind. „Ich will aber keinen Lockdown!“

Das war in der vergangenen Woche auf der Senatspressekonferenz. Eine Journalistin fragte, was der Regierende Bürgermeister denn von den Gedanken des Pankower Bezirksbürgermeisters Sören Benn hält, angesichts der schon da rapide ansteigenden Infektionszahlen einen wohldosierten Lockdown light auszurufen, um das Infektionsgeschehen in der Stadt abzubremsen. Unglücklicherweise verwandte die Fragestellerin dabei das Wort „inszenieren.“

Anstatt inhaltlich auf ein Für und Wider einzugehen, griff Müller dankbar die verunglückte Wortwahl auf und redete sich ein wenig in Rage: „Erstmal will ich im Zusammenhang mit Corona gar nichts inszenieren. Und ich glaube, man muss auch nichts inszenieren. Die Situation ist ernst genug. Da muss ich nichts faken und nichts inszenieren.“
 

Kognitive Dissonanz

War es dreist – oder doch nur Ausdruck einer mittelschweren kognitiven Dissonanz?
Das, was dann aus Müller Mund folgte, ließ auf Letzteres schließen:

„Auch ein zweiwöchiger Lockdown oder ein dreiwöchiger oder zehn Tage hat dramatische Folgen.“ Nochmal: Wir haben das alles hinter uns, was das heißt, für den Bildungsbereich. Wieder diese Unterbrechung, wieder die Kinder rausreißen aus der Lernsituation, Kinder aus der Kita rausholen. Was heißt das für Unternehmen, Systeme komplett runterfahren und dann zehn Tage später einfach mal wieder hochfahren? Das haben wir erlebt, dass das nicht so einfach ist. Insofern möchte ich da auch nichts inszenieren und einen kurzen Lockdown machen, um einen langen Lockdown zu verhindern, sondern wir müssen ihn insgesamt verhindern.“

Das sieht dann so aus: In den Schulen soll drei bis fünf Minuten langes „Stoß- oder Querlüftung durch vollständig geöffnete Fenster“, doch in der Friedrichhagener Bölschestraße müssen Passanten im Freien Mund- und Nasenschutz tragen.
Und während in der Kreuzberger Bergmannstraße selbst maskenlose Fahrradfahrer von der Polizei verwarnt wurden, konnten sich tausende maskenlose Corona-Leugner stundenlang unter freundlicher Begleitung der Polizei dicht an dicht am Alex und in der Karl-Marx-Allee tummeln.

 

Es nutzt nichts – also mehr davon!

Nachdem sich sowohl Verwaltungs- und Oberverwaltungsgericht angesichts der durch nichts begründeten Vorstellung des Berliner Senats, dass das Virus ab Punkt 23 Uhr besonders aggressiv wird, nicht überzeugen ließ und klagenden Gastwirte von der Sperrstunde befreite, kündigte Müller an, die von ihm vermutete Nachtaffinität des Erregers nun per Gesetz feststellen zu lassen.

Wer nun gehofft hatte, dass nun eine Woche später im Senat die Vernunft wieder eingezogen wäre, sah sich getäuscht.

Nach dem Motto „Es ist wirkungslos, also mehr davon!“, soll nun auf weiteren Straßen im Freien bei frischem Herbstwind das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes Pflicht werden. Zur Erinnerung: Der selbe Senat sieht – in Übereinstimmung der vom Robert Koch-Institut herausgebenen, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden – nach seinen eigenen Vorgaben ein Infektionsrisiko erst dann als wahrscheinlich an, wenn es einen mindestens 15 Minuten andauernden „Face-to-Face“ mit einem Virusträger gegeben hat.
 

Gegen den kleinen Lockdown – im Schweinsgalopp zum großen!

Die mittlerweile von rund 30 Gastwirten gerichtlich gekippte Sperrstunde wird beibehalten. Erwartbar, dass es weitere erfolgreiche Klagen dagegen geben wird – die Verwaltungsgerichte haben ja auch sonst nichts zu tun.

Gut gewählt ist auch die neue Höchstzahl von 300 Menschen, die nun nur noch zu Tagungen, Messen oder Sportveranstaltungen zusammenkommen dürfen: Der Landesparteitag, den die Berliner SPD am Sonnabend im Coronahotspot Neukölln abhalten will, wird – wie der Zufall es will – mit 275 Delegierten plus technischem Personal genau diese Grenze einhalten können.

Was der Regierende Bürgermeister und seine Senatskolleginnen und -kollegen offenbar nicht sehen wollen: Mit genau diesem keine Wirkung zeigenden und von kaum noch jemandem nachvollziehbaren Herumstückeln marschiert die Stadt im Schweinsgalopp auf einen großen, in Umfang und Länge unplanbaren Lockdown zu. Und das alles nur, um einen begrenzten und geplanten Lockdown zu verhindern.

 

8 Responses to “Senat stückelt sich an den großen Lockdown heran”

  1. Müller ist einfach ein schlechter Krisenmanager. So wird das nichts werden. Das Schlimme daran ist, dass durch solche unwirksamen Auflagen die Akzeptanz für wirklich sinnvolle und notwendige Dinge, wie z.B. Nasenmundschutz richtig tragen, einfach vollkommen verloren geht.

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  2. Wenn Inkompetenz ein Gesicht hätte…
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  3. Egal was man von Müller oder den Massnahmen, seinem Management etc. hält. Das ist eine sehr unseriöse, tendenziöse Schreibweise. Wirklicher Journalismus ist das nicht. Ist das ein privater Blog oder der tatsächliche Versuch von Journalismus?

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    • von ODK

      Okt 28. 2020

      Da ich stets bestrebt bin, so seriös wie möglich zu berichten, wäre ich Ihnen für eine Konkretisierung Ihrer Kritik dankbar. Also: Ist in dem Beitrag irgend ein sachlicher Fehler enthalten oder ein Behauptung, die nicht den Tatsachen entspricht?

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      • „Kognitive Dissonanz

        War es dreist – oder doch nur Ausdruck einer mittelschweren kognitiven Dissonanz?“
        Fast schon eine Suggestivfrage. Abgesehen davon haben derartige Sätze oder Unterstellungen wie „kognitive Dissonanz“ in einem seriösen Artikel nichts verloren. Hier scheint ihre persönliche Meinung zum Thema durch.

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        • von ODK

          Okt 28. 2020

          Das ist keine Tatsachenbehauptung, sondern ein naheligender Schluss, der durch das offensichtlich widersprüchliche Verhalten Müllers (erkennt, dass ein großer, nicht mehr zu steuernder Lockdown bevorsteht, weigert sich aber, einen kleinen, steuerbaren Lockdown in die Wege zu leiten, um den gro0en, verlustreicheren zu verhindern) begründet ist.

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          • Ich sagte auch nichts von Tatsachenbehauptung. Sie stellen eine geschlossene Frage deren beiden Antwortmöglichkeiten Sie bereits vorgeben und zeigen damit ihre persönliche Meinung. Daher ist der Artikel eben tendenziös und nicht mehr neutral. Ich hoffe ich konnte mich diesmal klarer ausdrücken 🙂

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            • von ODK

              Okt 28. 2020

              Ok, damit kann ich leben.

              Meinungsartikel sind im journalismus Gang und Gäbe

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