Unerwarteter Hausarrest oder: Blaumilchkanal in der Wichertstraße

kanal

 

Freitag Mittag vergangener Woche in der Wichertstraße: Wer auf der nördlichen Seite zwischen der Prenzlauer Allee und der Dunckerstraße mal eben das Haus verlassen wollte und unglücklicherweise auf Gehhilfe oder Rollator angewiesen war, konnte gleich wieder umkehren.

Auch wer einen Kinderwagen vor sich her zu schieben hatte, hatte schlechte Karten.

Aber ganz schlechte.

Denn längs des Gehweges war auf einer Strecke von knapp 80 Metern eine Art Schützengraben ausgehoben. Keine Ankündigung, kein Schild, kein Zettel, keine Nachricht, die die Bewohner vorgewarnt hätte; kein Hinweis darauf, was da eigentlich passiert.

Und überhaupt: Wer genehmigt eigentlich ein solches Umgraben samt des faktischen Verschwindenlassens eines ganzen Bürgersteiges?

Fragen über Fragen.

Also hin zu einem der Maulwürfe und um Auskunft gebeten. Die Unterhaltung indes war kurz.

„Bist du Ordnungsamt?“

„Nö.“

„Na also.“

„Hä?“

„Dann muss ich nichts sagen.“

Jetzt will man’s aber doch wissen.

Also zurück in die Wohnung.

Im Hausflur nimmt die junge Mutter aus dem Quergebäude ihre Kinder – niedliche Zwillinge – aus deren Gefährt: Einkauf auf unbestimmte Zeit verschoben.
Kurzer Zwischenstopp in der ersten Etage: Eine betagte Nachbarin wird beruhigt. Der Grad ihrer Erregung über den unverhofften Hausarrest lässt einen nahen Herzkasper befürchten. Was im Moment etwas ungünstig wäre: Sanitäter mit alpiner Ausbildung und Erfahrungen bei der Überwindung von frisch aufgeschütteten Burggräben sind in Berlin eher selten zu finden.
 
Der Anruf beim Pankower Tiefbauamt geht ins Leere: Freitag ab Eins…
 
Glücklicherweise tragen die maulfaulen Gehwegpflüger die Telefonnummer ihres Hauptquartiers auf dem Rücken. Und, großes Glück, dort nimmt auch jemand den Hörer ab.
So ist immerhin zu erfahren, dass der Grund der Grabungen die Verlegung eines Kommunikationskabels ist.

Aber warum muss der Aushub den Weg versperren – und vor allem: Warum werden die Anwohner nicht vorab über die Arbeiten informiert?

„Ja, wissen Sie, die Genehmigungen kommen immer so kurzfristig, da bleibt meistens keine Zeit mehr für Informationen. Vergangene Woche in der Wichertstraße, jetzt in der Chodowieckistraße…“

„Ah ja… – äh… wie bitte? Ihre Umgräber sind j e t z t hier in der Wichertstraße! In diesem Moment!!“

„Nein, das war in der vergangenen Woche.“

Nun doch etwas verunsichert, folgt ein Blick in den Kalender: Dem ist zu entnehmen: Diese Woche ist diese Woche – vergangene Woche ist schon sieben Tage her.

Mindestens.

Und ein Blick aus dem Fenster belegt: Ja, doch, das hier ist immer noch die Wichertstraße, und der Gehweg… – genau!

Die Rechercheergebnisse werden umgehend dem Wühlmäusechef am andere Ende der Leitung mitgeteilt, der sich nun seinerseits nicht mehr so ganz sicher ist.

„Ich ruf Sie gleich nochmal an.“

Gerade eben kam der Gedanke, dass, wenn doch schon in der Vorwoche gebuddelt werden sollte, die Zeit für eine Information der Anwohner wohl doch nicht so knapp bemessen gewesen sein kann – da meldet sich der Grabungspezialist zurück.

Ja, doch, man arbeite gegenwärtig tatsächlich in der Wichertstraße. Alles etwas unglücklich gelaufen. ‚tschuldigung.

Mit der Bitte, beim nächsten Mal doch einfach ein Zettelchen an die betreffenden Haustüren zu nieten und einem „ja, selbstverständlich“ geht das Gespräch zu Ende.

 

Tags darauf in der Wichertstraße. Der zuvor verschont gebliebene Rest der Strecke ist zum Marskanal mutiert. Durchkommen nur im Gänsemarsch möglich.
Und selbstverständlich kein Hinweis. Nirgends.

 

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